Alle Beiträge von Nico Nolden

NEWS: Wer bin ich? Und wenn ja, wieviele?

In ‚Watch Dogs: Legion‘ geht ganz London in den Widerstand

Die Reihe Watch_Dogs rückte schon in den Vorgängern den zivilen Ungehorsam gegenüber allmächtigen Überwachungsfeteschisten in den Mittelpunkt. Spielende legten im ersten Teil die totalvernetzten Sicherheitssysteme von Chicago lahm, um dann allerdings nur eine mäßig sympathische Hauptfigur durch eine klischeehafte Rachegeschichte zu führen. Die manipulierbare digitale Umwelt von Chicago hingegen war faszinierend (siehe ->NEWS: Hey, Watch Your Dog! vom 26. Juli 2013). Im zweiten Teil ließ sich eine junge Hackertruppe in San Francisco die Diktatur der Online-Systeme nicht mehr bieten. Ihre Mitglieder piesackten zunächst Medienkonzerne und Sicherheitsbehörden, gerieten damit aber schnell selbst auf deren Abschlussliste (siehe ->NEWS: Schöne Bescherung vom 23.12.2016). Was in der Bay Area nun mit dem Smartphone manipulierbar war, überstieg bei Weitem den ersten Teil – ein riesiger digitaler Spielplatz, der sich auch so manchen Realkonzern satirisch vornahm.

So schnell kann es gehen: vom hilfsbereiten Taxifahrer zum Staatsfeind eines paranoiden Sicherheitsapparats (Watch Dogs Legion – Cinematic Trailer | Ubisoft Forward, in Kanal IGN via Youtube vom 12.7.2020)

Der am 29. Oktober erscheinende Teil fokussiert nun stärker den Widerstandspart. Gleich die ganze Bevölkerung Londons wird dabei vom Spielball staatlich unterstützter Sicherheitsunternehmen zu spielbaren Akteur:innen im Widerstand. Der ist offenbar auch nötig, denn die vernetzten Sicherheitssysteme ‚ctos‘ wurden in London mit einer KI verbunden, beschleunigte Automatisierung sorgt für wachsende Arbeitslosigkeit, was zusammen erst Misstrauen verursacht, dann Unruhen lostritt. Eine mit überbordenden Vollmachten ausgestattete Sicherheitsfirma namens Albion soll für den überforderten Staat die Ordnung wieder herstellen… nun ja, und schießt buchstäblich etwas über das Ziel hinaus.

Der neue Trailer offenbart vielfältige Wege, Menschen für die Widerstandsgruppe zu gewinnen, indem man ihnen bei ihren Anliegen hilft. (Watch Dogs: Legion – Official Recruitment Gameplay Trailer | Ubisoft Forward, Kanal IGN via Youtube 10.9.2020)

Ubisoft hatte schon länger vollmundig ankündigt, jede Person, die im Spiel dargstellt werde, könne durch kleine Missionen nicht nur als Mitglied der eigenen Widerstandsgruppe rekrutiert werden. Nein, man könne diese Personen mit ebenso vielfältigen Eigenschaften und Fähigkeiten auch alle aktiv spielen. Was nach aufgeblasenem Marketing-Geplapper klang, scheint sich aber nun zu bewahrheiten. Ein neuer Trailer zeigt die Möglichkeiten, die vielfältigen Einwohner:innen der Stadt für die eigene Sache zu gewinnen. Dabei sind sie alle keine heldenhaften Übermenschen. Ihre Biografien statten sie vom schlagkräftigen Rentner über Sprayer bis hin zu Sicherheitskräften lediglich mit speziellen beruflichen Kenntnissen oder persönlichen und körperlichen Eigenschaften aus. Auch die Musik im Trailer erinnert deswegen weniger an Lone-Hero-Actionfilme, sondern an die Überfälle der sympathischen Gangster aus der Reihe Oceans-$HierZahlEinfügen.

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RETRO: Besuch von den Sarianern (RESPAWN)


2019 feierte dieses Blog sein zehnjähriges Bestehen. In dieser Dekade erschienen viele Beiträge, die inhaltlich zwar auch heute noch lesenswert bleiben. Auf deren betagtes Alter nimmt aber die technische Entwicklung immer weniger Rücksicht. Verknüpfungen zerbrachen, weil Links ins Leere führen.  Oft sind Videos schlicht offline. Überarbeitete und erweiterte Versionen der Beiträge erscheinen daher neu unter dem Tag RESPAWN.  Um nicht selbst Links zu zerstören, mit denen Andere auf die älteren Artikel verweisen, bleiben die Originale natürlich online.

Originalbeitrag: ->RETRO: Besuch von den Sariens (5. Mai 2009)


’sarien.net‘ archiviert Adventure-Klassiker von Sierra online in einer spielbaren Version

Ende der achtziger Jahre lagen reine textbasierte Abenteuer unter den digitalen Spielen im Sterben. Oft war es mühselig, die szenisch beschriebenen Texte richtig zu verstehen, um daraufhin die passenden Begriffe zu erraten. Befehle mussten Spielende in eine Eingabeaufforderung (Parser) tippen. Lange vor der Erfindung des Internets blieben Spielende oft ratlos, wenn die Handlung stockte oder unlösbar scheinende Rätsel frustrierten. Viele Spiele reagierten obendrein ausgesprochen ungnädig auf fehlerhafte Eingaben oder nicht vorgesehene Lösungsversuche. Nicht selten frustrierten dann – spielmechanisch unerbittlich – plötzliche Bildschirmtode.

Legendäre Entwicklerinnen und Entwickler wie Roberta Williams, Al Lowe und oder die „Two Guys From Andromeda“ prägten beim Studio ->Sierra On-Line die Hoch- und Endphase dieser Adventure-Form. Zusammen mit der Konkurrenz beim Studio ->Lucas Arts gestalteten sie den Übergang von textbasierten Spielen zu heutigen Point&Click-Abenteuern, die sich nun meist allein mit der Maus steuern lassen. Heutige Klassiker wie die Reihen ->Space Quest oder ->King’s Quest prägten die Frühphase dieser Adventures.

Space Quest Screen Sariens
Im Browser ließ Martin Kool Klassiker von Sierra Online auferstehen – in diesem Fall das erste ‚Space Quest‘ (Abb. eigener Screenshot)

Auf der Webseite ->sarien.net veröffentlichte der Niederländer Martin Kool 2009 spielbare Varianten aus dem technischen Stand, der EGA- und VGA-Grafiken in 2D noch mit einem Text-Parser kombinierte. Sie bestachen durch eine ansehnliche grafische Kulisse, darin steuerbare Spielfiguren und umfangreich erzählte, humorige Geschichten. Lange waren Sie selbst im Orcus der Geschichte nahezu unspielbar verschollen. 2009 belebte sie dann Kool als Browsergames wieder.

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NEWS: Nur der halbe Widerstand

Das Addon „La Résistance“ erweitert ‚Hearts of Iron IV‘ um Agenten und Widerstandskämpfer – schlingert dabei aber im Fahrwasser der eigenen Spielmechanik

Berühmt, und zugleich berüchtigt, teilen sich die Meinungen über das Globalstrategiespiel ->Hearts of Iron IV. Zum Zweiten Weltkrieg bietet ->Paradox Interactive wohl das komplexestes Zusammenspiel von Systemen in einer Weltkriegssimulation, die sich überhaupt auf dem Markt befindet. Auf einer strategischen Karte des gesamten Globus, nehmen die Spielenden das Schicksal eines beliebigen Staates in die Hand. Sie entscheiden, ob sie in die militärischen Auseinandersetzungen eingreifen. Oder ob sie sich gar mithilfe von Diplomatie und Bündnispolitik versuchen, aus dem globalen Krieg herauszuhalten. Im Gegensatz zu den Vorgängern verläuft der Krieg zudem sehr viel offener.

Der Ankündigungstrailer betont 2019 den französichen Widerstand gegen die deutschen Besatzer, allerdings lassen sich die Mechaniken auch in anderen Konstellation anwenden – etwa im faschistischen Spanien unter General Franco. (Video: Hearts of Iron: La Resistance – Announcement Trailer #PDXCON2019, in: Kanal Paradox Interactive via Youtube, 19.10.2019)

Am 25. Februar nun erscheint mit ->“La Résistance“ eine Erweiterung, die Agenten, Widerstand und Besatzungsmechaniken hinzufügt. Sie schraubt damit die Komplexität der ohnehin schon schwierigen spielmechanischen Systeme noch weiter nach oben. So erlaubt die Ergänzung heimliche Maneuver mit Agenten bei gegnerischen Staaten auszuführen, mit Besatzern zu kollaborieren und Maßnahmen aus Besatzersicht, um Gebiete zu sichern. Im Laufe der Zeit können Spielende sich an historischen Vorbildern von Geheimdiensten versuchen. Sie können einen individuellen Spähverein aber auch nach eigenen Vorstellungen aufbauen.

Das Hauptspiel wird von den Einen für seine strategische Komplexität gerühmt, die unterschiedliche Spielweisen ermöglicht. Für die anderen erscheint die Reihe Hearts of Iron wegen des vermittelten Geschichtsbildes eher berüchtigt. Widerstand und Geheimoperationen bergen für diese Zeit erhebliche historische Herausforderungen, will man sie in einem Spiel umsetzen. Kollaboration und Partisanen, Widerstandskämpfer und feindliche Agenten definierten und behandelten die Kriegsparteien alle sehr unterschiedlich. Etwa faschistischen Deutungen sollte ein solches Addon besser nicht auf den Leim gehen…

Der spanische Bürgerkrieg bietet als Szenario wohlüberlegte Entwicklungspfade – von Faschisten über Royalisten hin zu Republikanern bis hin zu Kommunisten. Gleichwohl abstrahiert die Spielperspektive die katastrophalen Wirkungen auf die Menschen zu technischen und statistischen Entscheidungen. (Hearts of Iron IV – La Resistance – Spanish Civil War – Part 1, in Kanal: Paradox Grand Strategy via Youtube, 27.1.2020)

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IN EIGENER SACHE: Zehneinhalb – und ein wenig weiser

Zehn Jahre  wurde ‚Keimling‘ 2019 alt – vor lauter Arbeit übersah ich das ein halbes Jahr lang

Um es gleich vorneweg zu schreiben: Dieses Blog ist mir immer noch wichtig. Zurecht fragte mich manch eine(r) nach neuen Beiträgen. Leider gelang mir schon länger nicht mehr, den Anspruch des monatlichen Rhythmus aufrecht zu erhalten. Die gesunkene Frequenz liegt jedoch nicht an einem Mangel an Ideen oder dem Bedürfnis, sie niederzuschreiben: Zahlreiche Beiträge zu verschiedenen Anlässen und Spielen liegen fast fertig im Redaktionssystem. Um sie aber für eine Veröffentlichung fertig zu stellen, läuft mir stets die Zeit davon. Zur Krönung meiner Arbeitslast entging mir sogar völlig, dass ‚Keimling‘ im vergangenen Jahr den zehnten Geburtstag feierte.

Abb. Im Mai 2009 befasste sich der erste Beitrag dieses Blogs mit der Wiederauferstehung von Adventure-Klassikeren. (eigener Screenshot)

Die Umstände erlaubten es einfach nicht, meine Beiträge fertig zu stellen. Meine Dissertation zu publizieren, erwies sich als sehr viel umständlicher als erwartet. Parallel freuten mich zwar Anfragen, mit geschichtswissenschaftlichen und allgemeinbildenden Artikeln zum Diskurs über Computerspiele beizutragen, sie kosteten jedoch auch Zeit. Da sie in der Regel finanziell nichts bringen, erhöhten sie zudem den wirtschaftlichen Druck, anderweitig Einkünfte zu erzielen. Obendrein endete meine langjährige Tätigkeit in der Hamburger Public History. Noch immer erfüllt mich mit großem Bedauern, dass wir die begonnenen Reformen nicht fortsetzen konnten. Im September bedeutete dies das Ende für alle meine Bemühungen rund um das GameLab und die Ludothek. Eine herbe fachliche und persönliche Niederlage. Im Oktober 2019 eröffnete sich jedoch eine neue Chance. Ich starte nun mit der Public History an der Leibniz Universität Hannover von Grunde auf neu. Dieses satte Programm hat mich gerade in der zweiten Jahreshälfte  gut ausgelastet … und von neuen Beiträgen abgehalten.

Die Fäden der Beschäftigung mit digitalen Spielen  in den letzten zehn Jahren führt mein aktuelles Buch zusammen. (Abb. deGruyter)

Dennoch hat dieses Blog nach wie vor wichtige Funktionen für mich – und hoffentlich weiterhin für die Geschichtswissenschaft. Es bietet Raum für schriftliche Formen, die in akademische Beitragsformate sonst nicht passen. Selbst wenn immer wieder Dinge dazwischen kommen, arbeite ich mir daher nach und nach genügend Zeit für Keimling frei. Manche der Juwelen aus vergangenen Jahren müssen zudem hervorgeholt werden, um sie einmal gründlich aufzupolieren. Somit habe ich einen Plan für dieses Blog, der mich locker die nächsten zehn Jahre ausfüllen wird…

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NEWS: Der Zweite Virtuelle Weltkrieg

Respawn versetzt mit einem Reboot von Medal of Honor in eine neue Qualität von VR-Gameplay

Den Markt der Virtuellen Realität (VR) und seine Technologien beobachte ich schon seit geraumer Zeit. Dass er in diesem Blog nur selten thematisiert wurde, liegt daran, dass die meisten Anwendungen bislang eher Technologie-Demos waren – und zwar auf allen verfügbaren Headsets. Die Spiele und „VR-Erfahrungen“ zeigten Potentiale, waren mit ihrer geringen Dauer und beschränktem Gameplay jedoch sowohl spielerisch, als auch aus historischer Perspektive nur mäßig interessant.

Unter dem Offiziellen Titel ‚Above and Beyond‘ entwickelt Respawn einen VR-Weltkriegsshooter für die Marke ‚Medal of Honor‘. (Abb.: Screenshot)

Mehr Begeisterung sowohl aus technischer als auch aus historischer Perspektive löst nun das Reboot eines Klassikers der Weltkriegsshooter aus:  Mit ->Medal of Honor: Above and Beyond werkelt das erfahrene Studio ->Respawn Entertainment für ->Electronic Arts an einem VR-Shooter, der die Bezeichnung „Spiel“ zurecht trägt. Jüngst schlug überraschend ihr ->Apex Legends mit Wucht in den Markt der ->Fortnite-Klone (Battle Royale) ein. Die Entwickler schufen mit ->Titanfall eine schnelle Shooterreihe in einem Science-Fiction-Setting und haben selbst eine interessante Entstehungsgeschichte (siehe ->INNOVATION: Sturz der Titanen, in KEIMLING vom 21.5.2014).

Mit ‚Medal of Honor: Above and Beyond‘ scheint bei Respawn Entertainment eine neue Qualität von VR-Spiel für die Oculus Rift zu entstehen. (Medal of Honor: Above and Beyond Trailer- Oculus-Exklusive VR Shooter (Respawn), in Kanal Upload VR via Youtube 25.9.2019)

Respawn strebt einen Triple-A-Shooter an, was für das Segment der Virtuellen Realität wirklich eine bemerkenswerte Ansage ist. Hätte diese vollmundige Ankündigung ->Electronic Arts selbst vorgenommen, hätte mich das eher skeptisch abwinken lassen. Dass ->Respawn sich dafür selbst prominent aus der Deckung wagt, lässt mich Vertrauen vorschießen. Erstmals scheint hier nicht nur ein substantieller Shooter im Setting des Zweiten Weltkrieges für die ->Oculus Rift zu entstehen. Das offizielle Blog von Oculus nährt diese Hoffnung (siehe ->Respawn Entertainment Reveals the Future of VR with ‚Medal of Honor: Above and Beyond‘ – coming soon to the Rift Platform, in: Oculus Blog vom 25.9.2019). Das Spiel soll neben einer vollwertigen Kampagne auch mehrere Multiplayer-Modi aufweisen.

Die Wiederauferstehung der Marke als VR-Erfahrung folgt auf zwei sehr mäßige zeithistorische Ableger (->Medal of Honor (2010) und MoH: Warfighter (2012)). Dass EA diese Marke in die Hände von Respawn legt, lässt Hoffnung aufkeimen. Endlich könnte eine Plattform der Virtuellen Realität eine ähnlich einschneidende Zäsur für die Branche erzeugen, wie es seinerzeit 1999 der Shooter ->Medal of Honor auf der ersten ->Playstation war. Mir eindringlicher in Erinnerung ist das Debut auf dem PC mit ->Allied Assault 2002. Zusammen mit ->Battlefield 1942 (2002) und ->Call of Duty (2003) reiht sich Medal of Honor in die Trinität ein, welche die Standards der Militärshooter in den vergangenen 20 Jahren prägte. Eine interessante Fußnote dieser Geschichte ist, dass Vince Zampella, der heutige Chef von Respawn, 2003 als Producer für Allied Assault verantwortlich zeichnete. 2020 soll der Shooter für Virtuelle Realität auf der Plattform ->Oculus Rift erscheinen.

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NEWS: Death to the Eighties

‚198X‘ verbindet Jugenderinnerungen mit der Videospielegeschichte

Alles strahlt heller, alles ist aufregender, alles ist dramatischer in der Jugend, verkündet eine Sprecherin aus dem Off. Am Ende der Jugend sterbe etwas, sobald man erwachsen werde. Das muss man nicht unbedingt teilen. Schließlich frage ich mich auch jenseits der Vierzig noch häufig, wann sich denn dieses Erwachsensein einstellt. Mit der Ansage im Release-Trailer wird jedoch zumindest die sentimentale Tonalität des Coming-of-Age-Spieles ->198X recht eindeutig eingestellt. Parallel nimmt der Entwickler ->Hi-Bit Studios mit auf eine spielehistorische Reise durch Episoden und Spielformen der Achtziger Jahre.

Das experimentelle Episodenspiel 198X nimmt mit auf eine Reise durch eine Jugenderfahrung mit den aufkommenden Arcadespielen der Achtziger Jahre. (198X Release Trailer, in: Kanal Hi-Bit Studios via Youtube vom 27.5.2019).

Eindrücklich fangen Musik und Grafikstile die Atmosphäre der Videospiele in den Achtziger Jahren ein. Stile, ja, in der Mehrzahl. Das für wenige Euro erhältliche Minispiel fügt fünf Spielprinzipien des Arcade-Zeitalters mit einer Geschichte über das Erwachsenwerden in pixeligen Zwischensequenzen zusammen. Die fünf Reminiszenzen an Spielformen führen in ein Beat’em und ein Shoot’em Up, ein Racing-Spiel, ein Rollenspiel und einen Ninja-Titel. Zumindest der Trailer fängt das Game Design der jeweiligen Spiele überzeugend ein. Ihre spielmechanische Plausibilität konnte ich noch nicht testen.

In den Zwischensequenzen referenziert die Inszenierung neben einem pixeligen Mangastil auch auf die bläulich-violette Farbstimmung der ersten Adventures mit grafischer Oberfläche. Angesichts der Bedeutung, die hier Musik verliehen wird, bezieht sich diese Kombination etwas auf das Abenteuer ->Loom von den legendären ->Lucasfilm Studios. Erschienen im Jahr 1990 setzt diese Inszenierung auch eine Klammer um das vorausgegangene Jahrzehnt. Interaktiv aber scheinen die narrativen Brücken nicht zu sein. Einfühlsam tastet sich zumindest der Trailer mit diesen Zwischensequenzen in das Gefühlsleben eher ruhiger Jugendlicher in den Achtziger Jahren vor und führt aus dieser subkulturellen Perspektive von Spielform zu Spielform. Damit unterscheidet sich der Ansatz erheblich von der satirischen Annäherung an die Achtziger in ->Far Cry 3: Blood Dragon (siehe ->INNOVATION: Van Damme nochmal! vom 12.3.2014).

Das sehr kurze, dafür aber auch günstige Spiel ballt diese Erfahrung auf etwa zwei Stunden. So geben es jedenfalls die Entwickler an. Für ihre Spielidee warben sie Mittel über die Plattform ->Kickstarter von Spielerinnen und Spielern ein. Der ->Begleittext auf Steam erklärt das Spiel zu einer „Episode 1“. Scheinbar nehmen sich die weltweit zusammen arbeitenden Entwickler mit einem Standort in Stockholm noch weitere Spiele dieser Art vor. Für die ist ->198X ein erster Versuchsballon. Auch andere Dekaden der Spielekultur könnten solche atmosphärischen Lektionen über die Spielegeschichte gut vertragen.

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NEWS: The First of Us

Patrice Désilet kehrt mit einem ungewöhnlichen Projekt über die Vorfahren der Menschheit zurück

Der kreative Drang mancher Menschen überwindet alle Widrigkeiten. Wie Wasser unter hohem Druck findet ihre Kreativität jede Lücke. So durchbricht auch Patrice Désilets jede Hürde und reißt andere im Schwall seinen bemerkenswerten Ideen mit. Dieses Mal reißt er uns mit dem Fluss der Zeit in die Anfänge der Menschheit zurück. Durch mehrere evolutionäre Phasen begleiten Spielende in ->Ancestors: The Humankind Odyssey unsere Vorfahren auf einem persönlichen Weg zum modernen Menschen.

Der Ankündigungstrailer in der Game Awards World Premiere offenbarte vor allem die Gefahren in der Umwelt unserer Ahnen. (Ancestors: The Humankind Odyssey | Reveal trailer | PS4, in: Kanal PlayStation Europe via Youtube, 7.12.2018)

Ein Ankündigungstrailer feierte auf den Game Awards 2018 Premiere. Er zeigte erste Spielszenen, in denen die menschliche Evolution natürlichen Widrigkeiten begegnete und einen gewaltigen, oft blutigen Lernprozess bewältigen muss. Nun könnte man fragen, was daran denn Geschichte repräsentiere; schließlich verfügen wir über keinerlei schriftliche Quellen über die menschliche Vorgeschichte, geschweigedenn über die vormenschliche Evolution. Im Grunde schließt ein Fehlen von Schriften und Artefakten eine geschichtswissenschaftliche Herangehensweise aus, auch Archäologen haben ohne Überreste ihre Schwierigkeiten.

Eine neue Gameplay-Sequenz von der Branchen-Messe E3 zeigte, wie die Entwickler die Evolution unserer Vorfahren spielmechanisch umsetzen. (Ancestors Humankind Odyssey – NEW 8 Minutes E3 2019 Gameplay [HD], in: Kanal Gameclips.media via Youtube vom 14.6.2019)

Andererseits steht die Interpretation des Spieles sehr wohl in einer historischen Tradition, die von Vorstellungen über die Ursprünge der Menschen handelt. ->Ancestors gerät daher zu einer Quelle für heutige, wissenschaftliche  Vorstellungen darüber. Für Kreationisten dürfte es also eher ein Fantasyspiel werden. Wie ihr Glaube, stehen auch die wissenschaftlichen modernen Erkenntnisse in einem langen historischen Kontext mit vielen anderen Texten quer durch die Menschheitsgeschichte, aber auch anderen Medien wie Filmen oder Spielen über dieses Thema. Ihre Autorinnen und Autoren fragten sich alle, woher der Mensch kommt. Aus diesem Blickwinkel ist dieses Thema auch ein historisches.

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INNOVATION: Elex mia doch am Oarsch

Das postapokalyptische Sci-Fi-Spektakel ‚Elex‘ entwirft ein faszinierendes historisches Wissenssystem

[ PC (getestet) | PlayStation 4 | XBox One ]

Der Planet Magallan hat echte Probleme. Historisch gesehen, weil vor Jahrzehnten ein Meteorit in seine Oberfläche schlug, der weite Teile der Infrastruktur wegfegte – so auch die darauf errichtete Zivilisation. Betrachtet vom  sozialen Blickwinkel her, sammelten sich Überlebende in ein paar Gruppierungen, die sehr gegensätzliche Konsequenzen aus dem Untergang zogen. Darüber kreuzen sie nun erbittert ihre Waffen. Und drittens leidet der angeblich so fremde Planet unter ernsten Problemen mit seiner Logik, denn er ähnelt frappierend der Erde und selbst die exotischsten Überlebenden entsprechen weitgehend menschlichem Äußeren. Sie warten auf den Teil, wo es um Geschichte geht, gell, aber da müssen Sie sich noch ein wenig gedulden.

Dieser Beitrag handelt von einem tieferen, einem komplexeren Einblick in das World-Building als eine bloße objektorientierte oder erzählte Geschichte: Die postapokalyptische Welt von Magallan, in der das Open-World Action-Rollenspiel ->Elex spielt, inszeniert ein faszinierendes Wissenssystem wechselwirkender historischer Elemente, aus denen eine spielinterne Erinnerungskultur erwächst.

Von Anfang an lässt sich die Spielwelt in Elex frei bereisen – nur ratsam ist das nicht. (Abb. eig. Screenshot)

Dieser Blickwinkel auf ->Elex eröffnet ein reichhaltiges Geschichtsbuffet: Ruinen erzählen von umwälzenden Ereignissen bereits durch die Anordnung ihrer Trümmer. Ganze Regionen deuten auf die Vergangenheit mithilfe eines ausgeklügelten „Environmental (Hi-)Storytelling“ in den Landschaften. Notizen, Tagebucheinträge und Flugblätter liefern Fragmente zur spielweltlichen Gegenwart und der Vorzeit ihrer Katastrophe. Darüber hinaus deuten die Bewohner Ereignisse und die Vergangenheit im Gespräch aus jeweils individuellen Sichtweisen heraus. Diese wiederum hängen von den Weltanschauungen ihrer Gruppierungen ab. Geschickt füttern die Entwickler auf diese Weise den historisch denkenden Geist mit einer Vielzahl von Indizien auf dem Weg zu einem historischen Verständnis über Magallan…

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KOMMENTAR: Vom rechten Bild des Mittelalters

‚Kingdom Come: Deliverance‘ ist zum DCP nominiert – das sorgt für Kritik aus der Geschichtswissenschaft

Schon vor der Veröffentlichung des Action-Rollenspieles ->Kingdom Come: Deliverance im Frühjahr 2018 entzündete sich Kritik an Äußerungen des Lead Designers Daniel Vavrá und dem damit verbundenen Geschichtsbild. Jan Heinemann fasste in seinem Blog die international erhobenen Vorwürfe  zusammen und warf der Spielepresse vor, die soziokulturelle Relevanz des darin gezeigten Mittelalterbildes nicht zu erkennen (->Das „authentischste Historienspiel aller Zeiten?!, in: Let’s Play History vom 13.1.2018).  Die Entwickler des Spieles – ein durchaus technisch und spielmechanisch beeindruckendes Ergebnis – versprachen ein authentisches spätmittelalterliches Böhmen um das Jahr 1403. Frei von Magie und Drachen hatten sie ihre Mühe, internationale Publisher zu finden und nahmen die Dinge schließlich mit einer Kickstarter-Kampagne selbst in die Hand (siehe ->NEWS: Good Fight! Good Knight! vom 13.2.2014). Damit war ihnen ein grandioser Erfolg beschieden, allerdings wirft – bei aller Begeisterung für das Spiel selbst – die historische Inszenierung einige Fragen auf.

Das Actionrollenspiel ist beeindruckend inszeniert, leider ist sein Bild vom Spätmittelalter tendenziös rechtskonservativ („Kingdom Come: Deliverance – Launch Trailer [DE]“, in: Kanal Deep Silver vom 12.2.2018 via Youtube)

Im vergangenen Jahr hielt ich mich mit Kommentaren zurück, auch nachdem Heinemann das Spiel so heftig kritisiert hatte. Allerdings erhob er weniger die Vorwürfe selbst, als dass er sie aus einer international schwelenden Diskussion vor dem Release zusammenfasste. Im Kern ging es um die Darstellungen von Geschlechtern und alles Fremden, die auf eine rechtskonservative Gesinnung mit Folgen für das Mittelalterbild hinweisen. Das gewählte Szenario deutet daher auch nicht ohne Grund auf den Gründungsmythos der tschechischen Nation. Leider konnten ich und auch viele Kritiker bis zu diesem Zeitpunkt die Spielwelt noch selbst gar nicht betreten haben. Seit ich dieses Blog 2009 gründete, bin ich jedoch immer nach der Devise verfahren, mich bei Stellungnahmen zu Spielen zu bremsen, die ich nicht selbst substantiell gespielt habe. Viele Interviewanfragen aus der Zeit musste ich daher ablehnen, selbst wenn mich die Aufmerksamkeit für mein Blog gefreut hätte.

Das Blog gespielt ist das zentrale Hub für alle Interessierten an Geschichte in digitalen Spielen (Abb.: eigener Screenshot)

Nun, ein Jahr später, hatte ich in unserem ->GameLab der ->Public History Hamburg auch die Gelegenheit, ->Kingdom Come: Deliverance zu spielen. Im Blog ->gespielt des Arbeitskreises Geschichtswissenschaft und digitale Spiele (AKGWDS) nehm ich daher zusammen mit einigen Historikerinnen und Historikern zu dem spätmittelalterlichen Rollenspiel Stellung: -> „Vom rechten Bild des Mittelalters“ – Stimmen aus dem AKGSDS zur Nominiereung von „Kingdom Come Deliverance“ für den Deutschen Computerspielpreis 2019, in: gespielt vom 11.3.2019). Es beteiligten sich Felix Zimmermann, Jan Heinemann, Eugen Pfister, Aurelia Brandenburg und Robert Heinze. Es freut mich, dass auch ich Gelegenheit bekam, meinen Beitrag dazu zu leisten.

Der Anlass für den neuaufgelegten, kritischen Diskurs ist, dass die Jurys des ->Deutschen Computerspielpreis 2019 das Mittelalter-Rollenspiel in der Kategorie „Beste Spielwelt“ nominierten. Offenbar ist es für die beteiligten Personen aus Politik und Gesellschaft, Spielejournalismus und Games-Branche vorstellbar, dass Kingdom Come trotz der rechtsnationalen Gesinnung seines Geschichtsbildes einen dotierten Prestigepreis gewinnen darf. Um die Stimmen der Geschichtswissenschaft in diesem Diskurs noch einmal laut werden zu lassen, entschlossen wir uns, die verschiedenen Positionen der Mitglieder einzubringen. Bewusst haben wir uns dort als Personen und nicht als Verband mit unseren Meinungen positioniert. Zentrale Punkte gleichen sich zwar, aber die Ansichten über das Spiel unterscheiden sich doch in interessanten Details. Beteiligen Sie sich dort gern an der Diskussion.

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INNOVATION: Vorwärts immer, rückwärts immer!

Die Manipulation von Zeit in ‚All Walls Must Fall‘ verschafft einen einfallsreichen Musik-Trip durch Ost-Berlin

[ PC (getestet) | Mac OS | Linux ]

In etwa zehn Stunden explodiert am Alexanderplatz in Berlin der Fernsehturm. Also, eigentlich ging der Alex bereits in einem nuklearen Feuerball hoch. Würden Sie jetzt in der Zeit zurück versetzt, was täten Sie in Ihren letzten zehn Stunden, wenn Sie von dem bevorstehenden Ereignis wüssten? Wild in der Berliner Nachtclub-Szene feiern, um sich ein letztes Mal in wummernden Elektrobeats zu verlieren – zwischen kühlen Longdrinks und erhitzten Körpern? Oder nehmen Sie all Ihren Mumm zusammen, um einen solchen Anschlag zu verhindern? Ach, wissen Sie, kombineren Sie beides doch einfach gleichzeitig.

Als der Fernsehturm am Alex in einem Feuerball explodiert, führt eine turbulente Reise durch ein Ost-Berlin, in dem die Mauer nie fiel. (Abb. eigener Screenshot, PC)

Im rundenbasierten Strategiespiel ->All Walls Must Fall des Berliner Entwicklerstudios ->inbetween games setzt eine mysteriöse Organisation die Spielenden als bärbeißigen Agenten mit Cyberarm in einem alternativhistorischen Berlin ab. Dort steht die Mauer noch immer, denn der Kalte Krieg fand nie ein Ende. Wie die kargen Handlungshäppchen immerhin deutlich machen, befindet man sich auf der östlichen Seite der Mauer. Mittels einer Überwachungsdrohne kommunizieren diffus bleibende Auftraggeber mit dem Agenten. Als Urheber des Anschlages machen jene sogleich westliche Agitation aus. Das Setting wirkt, als hätte die Trance-Szene der neunziger Jahre mit dem Art Design der Achtziger ein Kind gezeugt, um es dann in eine historisch konservierte Zukunft des Ost-West-Konfliktes zu schleudern. Mit sarkastischen Kommentaren fügt sich der Agent in seine Rolle als einsamer Ermittler. Offenbar schlägt er sich jedoch nicht zum ersten Mal durch den zehnstündigen Korridor vor der vernichtenden Explosion. Ermüdet von seinen strapaziösen, jeweils zehnstündigen Zyklen kommentiert er die Erfolgschancen des Unternehmens meist resigniert.

Mit klugen Ideen mischen die Entwickler mit Rundenbasierter Taktik und Rogue-like gleich zwei Spielformen auf – zudem in einem faszinierenden Setting. (All Walls Must Fall – Early Access Gameplay Trailer, in: Kanal inbetweengames via Youtube, 6.11.2017)

Zentrales Element der Spielmechanik ist die Manipulation von Zeit, um die rundenbasierten Missionen zu bewältigen. Bloß zehn Stunden bleiben, um in den Berliner Nachtclubs die Urheber des Anschlags ausfindig zu machen. Verplempert man zu viel davon in der einen Mission, fehlt dieser Handlungsspielraum in späteren Aufträgen. Klärt der Agent allerdings zuvor uneinsehbare Räume auf, erhält er eine Art Zeitpunkte gutgeschrieben, die er durch seine Handlungen stetig verbraucht. Sobald seine Reserve allerdings auf Null fällt, scheitert die Mission in der Zukunftsvergangenheit. Verschiedene Fertigkeiten und freischaltbare Waffen erleichtern ihm das temporale Handwerk.

Für das Werk eines kleinen Indie-Studios ist das Spiel bemerkenswert innovativ, besitzt aber wohl auch wegen der Teamgröße von drei Personen einige spielerische Schwächen. Der treibende Soundtrack gehört sicherlich nicht dazu. Selbst wenn man dem elektronischen Musikstil nichts abgewinnen kann, nötigt doch dessen genialer Einsatz Respekt ab: An die pressenden Beats schmiegt sich jede Bewegung von Gegnern, die Körper der tanzenden Mengen und die Bewegungen des Agenten selbst. Das erzeugt eine beeindruckende Atmosphäre…

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