Schlagwort-Archiv: Physik

KOMMENTAR: Gibt’s das auch als Film? (Teil 2)

Teil 2 – Altlast des Objektivismus


Schon lange hatte ich geplant, dem Spielejournalismus in seinen verschiedenen Formen, einen umfassenden Beitrag zu widmen. Der Artikel sollte vor allem die gegenwärtige Lage der Redakteure und TV-Produzenten kommentieren – mit einem Schwerpunkt im deutschsprachigen Raum. In jüngster Zeit brechen sich nun zahlreiche Entwicklungen Bahn, welche dem Spielejournalismus rasant ein neues Gesicht verleihen.
Es ist höchste Zeit, dass mein Blog in einen Rundumschlag den gegenwärtigen Status zusammenfasst. Angesichts der Vielzahl von Veränderungen konnte dieser Überblick nur sehr lang werden. Daher erscheinen im Abstand von wenigen Tagen mehrere Blogbeiträge zu verschiedenen Facetten. Die Serie schließt mit einer Bewertung der jüngsten Veränderungen und einem ebenso vorsichtigen wie gewagten Ausblick.

Objektivismus-Comedy

Das bezüglich des Spielejournalismus einleitend geschilderte Verlangen vieler Menschen, dauerhaft gültige, absolute und messbare Wertungen und Meinungen vorgesetzt bekommen, scheint sich zu einer grassierenden Epidemie auszuweiten. Man muss sich nur umsehen, wer zurzeit überall aus braunem Urschleim hervorkriecht, um alles ganz sicher und definitiv und eindeutig zu wissen – und dann auch noch herauszuposaunen. Weil er es bei Facebook gelesen hat. Oder an der Kasse bei Penny gehört. Geht’s noch!?

Lügenpresse, Verschwörung der Konzerne, Reichsbürger, Chemtrails, völkische Überfremdungsrhetorik. Es ist unfassbar, wie sich viele unter ihrem Wahlspruch: „Man wird doch noch mal sagen dürfen!“ zu unsäglichem Nonsens entblöden. Solche Botschafter des Absoluten schämen sich nicht einmal mehr, ihren vereinfachten Schwachsinn montags auf öffentlichen Plätzen zu skandieren. Die Dümmlichkeit, mit der in diesem Zusammenhang Objektivität eingefordert wird, hat mittlerweile in der Gesellschaft Ausmaße angenommen, die direkt proportional am Zulauf zu Pegidisten, zur AfD und zu den Brüllaffen mit pathologischem Lügenpresse-Fetisch zu messen ist.

Mehr professionelle Contenance beweist das Medienmagazin ZAPP, als es im Februar 2016 auf die Einfältigen der Straße zugeht. Glauben ist dennoch nicht Wissen. (Medien in der Vertrauenskrise: Was zu tun ist – mit Anja Reschke | 17.02.2016 | ZAPP | NDR | Kanal ZAPP – Das Medienmagazin via Youtube)

Warum ich an dieser Stelle Contenance missen lasse? Wir Historikerinnen und Historiker kennen das Problem schon seit langer Zeit sehr gut. Ausgewogenheit und Multiperspektivität werden immer wieder dahin missverstanden, wir wollten uns nicht festlegen. Wie oft werden wir aufgefordert: „Erzähl doch mal. Wie war das wirklich damals im Mittelalter / bei Friedrich Wilhelm / an der Ostfront?“ Jede und jeder von uns neigt mittlerweile zu Augenrollen bei solchen Fragen, weil die Erwartungshaltung, die dahinter steht, nie erfüllt werden kann. Wir können nur verschiedene historische Perspektiven aus medialen Quellen herausarbeiten, die uns die Vergangenheit überliefert hat. Niemand also weiß definitiv, wie die Vergangenheit ausgesehen hat. Nein, auch Guido Knopp und seine ergraute Zeitzeugenarmee nicht. Und schon gar nicht wildgewordenen Horden brauner Brüllaffen.

Viele Vergangenheiten existieren nebeneinander, weil sie immer von der Interpretation aus unserer heutigen Perspektive abhängen. Sie plausibel zu erläutern und zu gewichten, ist die Aufgabe von Historikern. Jeder selbst muss für sich Schlüsse daraus ziehen; ich weiß, selbst zu denken, ist fürchterlich anstrengend. Aber, kommen Sie, man gewöhnt sich an alles. Wir haben ein echtes gesellschaftliches Bildungsproblem, wenn nicht mehr begriffen wird, dass verschiedene Perspektiven auf eine Angelegenheit nicht nur legitim sind. Sie liegen vielmehr in der Natur einer jeden Sache. Sie können Menschen sogar dabei helfen, die eigenen Denkmuster zu hinterfragen. Eine solche Fähigkeit ist doch eigentlich eine schöne Vorstellung nicht nur für eine Gesellschaft, sondern auch für eine aufgeklärte Games-Kultur mit einem dazu gehörenden Spielejournalismus…

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INNOVATION: Staub zu Staub

Geformt „From Dust“

Auf dem Weg in eine bessere Zukunft gerät ein Stamm von Eingeborenen zwischen zwei Ströme: zur Linken blubbert ein kochender Lavasfluss, rechts nagen reißende Wasser den schmalen Sandsteg weg, auf dem sich die Flüchtenden zusammendrängen. Die Lage ist ausweglos, und herzergreifende Gebete schallen in den Himmel. Niemand sieht den Sand niedergehen, und doch ist dort auf einmal eine Düne, die das Wasser umlenkt und einen letzten Ausweg schafft. Auf dem Weg zum rettenden Weltentor, bleibt aber nicht viel Zeit, um der unsichtbaren Macht zu danken – schon bald drohen die nächsten Naturgewalten.


Der Mensch wirkt nicht nur klein zwischen den Naturgewalten in "From Dust" (Bild, Offiziellen Seite)
Der Mensch wirkt nicht nur klein zwischen den Naturgewalten in "From Dust" (Bild, Offiziellen Seite)

Doch dieser Unsichtbare ist glücklicherweise nicht nachtragend, zufrieden planiert er schon wieder die nächsten Routen für seine Schützlinge durch die Untiefen der ->PS3. Denn die magisch anziehende, physikalisch korrekte Welt von ->From Dust entstand ursprünglich als Tech-Demo, das heißt als Vorführbaukasten für physikalische, grafische und partikelintensive Rechenprozesse.

Dabei entstand eine so eindrucksvolle Spielwiese, dass ->Ubisoft sich entschloss, die Entwickler vom Hausstudio Montpellier (verantwortlich für z.B. das Spieljuwel ->Beyond Good & Evil) daraus gleich ein richtiges Videospiel weiterdenken zu lassen. Es wurde schließlich als Downloadtitel für ->Playstation 3 und ->XBox360 2011 veröffentlicht. Doch es ist mehr als ein Spiel – ein meditativer Baukasten, ein Schauspiel der Naturkräfte und ein Gleichnis über den Menschen als deren Spielball…

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KOMMENTAR: Arschtritt-Peitsche

„Bulletstorm“ inszeniert blutigste Splatter-Gewalt, nimmt sich aber selbst nicht ernst

Vor kurzem machte ->Id-Software mit dem kritischen Werbespielchen ->Duty Calls von sich reden (->KEIMLING berichtete: KOMMENTAR: Duty Prolls vom 4. Februar 2011). Mit diesem nahmen die Entwickler gezielt Schwächen des Shootergenres aufs Korn, um auf die Stärken – so zumindest deren eigene Einschätzung – ihres eigenen Titels aufmerksam zu machen. Nun steht ihr eigener Titel –>Bulletstorm in den Läden und – bei allem persönlichen Unbehagen über den Gewaltgrad – es ist wirklich ein spektakulärer Wurf gelungen.

Schwachsinn kultiviert - ein Meilenstein fürs Genre, doch anders, als man denkt...
Schwachsinn kultiviert - ein Meilenstein fürs Genre, doch anders, als man denkt...

Denn das Spiel punktet vor allem mit ausgefallener Mechanik, rasantem Gameplay und abstrusen Schauplätzen bei einem völlig satirischen Setting mit völlig überzeichnetem Gewaltgrad. Besonders letzteres muss man nicht mögen, allerdings macht die innovative Kombination aller Elemente den Shooter Bulletstorm zu einem ebenso denk- wie merkwürdigen Titel – auch für den Fortschritt der Videospiele an sich …

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RETRO: Paintball

Mit Farbe bekämpft ein hüpfender Ball das graue Unrechtsregime in „de Blob“ für die Wii

Auf einer wunderschönen, farbenfrohen Welt leben kleine verschiedenfarbige Gestalten mit knuffigen Proportionen und genießen ihr Regenbogenleben. Doch wie bekannt ist, kann der friedlichste Mensch nicht ruhig leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Als sich dunkelgraue Schiffe der INKT mit fiesen kleinen grauen Mickerzwergen aus dem Weltall über die Städte schieben, beginnt eine Invasion, die buchstäblich die Farbe aus dem Leben der Planetenbewohner saugt.


Die neuen Herren mögen hassen das bunte Leben - aber deBlob schmiert sie an
Die neuen Herren hassen das bunte Leben, aber deBlob schmiert sie an

Es ist jedoch nicht nur die Welt, die zu leiden hat – auch die kleinen Wesen werden ihrer Lebensfreude beraubt. Der feindliche Machtapparat treibt sie mit Waffengewalt zusammen, steckt sie in Umerziehungsgebäude und saugt ihnen ihre Farben aus. Traurig trotten sie schließlich aus der Rekonditionierung und sind ebenso grau wie ihre Herren. Zwar sind diese Zwischensequenzen sehr humorvoll in Szene gesetzt, dennoch bleibt eine leicht beklemmende Atmosphäre, die dem Spieler ein wenig Bleiche ins Gesicht treibt.


Graue Raumschiffe am Himmel - hier kommt mal nichts Gutes von oben

->de Blob gibt sich aber so einfach nicht geschlagen und leistet Widerstand seit seiner Veröffentlichung 2008. Die titelgebende, kugelrunde Hauptfigur des Spiels wurde ursprünglich nicht vom australischen Developer ->Blue Tongue erschaffen, sondern entstand an einer niederländischen Hochschule durch Informatikstudenten aus Utrecht.

Für seinen Widerstandskampf nimmt deBlob den Invasoren kurzerhand die gestohlenen Farben wieder ab, und schmiert sie in der Welt herum, indem er gegen Gebäude springt oder etwa über Bänke und Bäume rollt. Die neuen Herrscher halten sich jedoch nicht lange damit auf, irritiert zu sein, und setzen ihm alles entgegen, das sie aufbieten können.

Eine spritzige und humorvoll erzählte Geschichte entspinnt sich – ist jedoch nicht zentral für das Spiel. Eigentlich lebt es von seiner unvergleichlichen Spielmechanik, für die man die Wii und ihre Controller hätte erfinden müssen, hätte es sie nicht schon gegeben…

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