NEWS: Geschichte, die man sich schenken kann!

Für Neugierige zum Jahresende – historische Inszenierungen zum Ausprobieren

Gerade noch wurde mir anlässlich eines Vortrages das Lob zuteil, dass es mir seit Jahren gelingt, regelmäßig mein Blog zu füllen, da muss ich mich für den Dezember dieses Jahres auch schon entschuldigen. Aus verschiedenen Gründen kam ich im Dezember nur zu „Rumpfartikeln“, die ich alle noch nicht für veröffentlichungswürdig halte. Und zum Jahresende nun fehlen mir schlicht meine berufsbedingten Bahnfahrten, in denen ich sie vervollständigen könnte.

Als ich zu Anfang 2014 in einer echten beruflichen Krise steckte (siehe meinen Beitrag ->IN EIGENER SACHE: Verbündete in dünner Luft vom 7. Januar 2014), hätte ich mir nie ausgemalt, wie ereignisreich dieses Jahr noch verlaufen sollte. Daher will ich hier mal nicht rumjammern, nicht wahr? Ich konnte meine Tätigkeit in der ->Public History der ->Universität Hamburg aufnehmen, besuchte gelungene Konferenzen, lernte zahlreiche Wissenschaftler im In- und Ausland kennen und brachte in Workshops die historische Perspektive auf Games anderen Interessierten näher – nicht zuletzt war diesbezüglich auch das Festival ->Play14 eine spannende Erfahrung.

Zudem wurde meinem Kollegen Thorsten Logge und mir ein GameLab bewilligt, dessen Hardware nun auch komplett vorliegt. Wir betreuen es für die Studierenden und Lehrenden der ->geisteswissenschaftlichen Fakultät und bestärken Studierende wie Forscher, mithilfe des GameLab qualifizierende wie qualifizierte Texte und Videos zu Games zu produzieren. Den Dezember verbrachte ich daher neben meinem Lehrpensum vorwiegend damit, die über 300 Videospiele zu bestellen, welche mir die Teilnehmern der ->AG History Matters – Videospiele und Geschichte auszuwählen halfen. Diese von mir organisierte Arbeitsgemeinschaft geriet im Laufe des Jahres zu einer regelmäßigen, gut besuchten Einrichtung, in der Studierende, Doktoranden aber auch junge Forscherinnen und Forscher zusammen kommen, um aus historischer Perspektive wissenschaftlich über Videospiele, Projekte und Literatur zu sprechen. Ihre Reichweite geht mittlerweile deutlich über Hamburgs Grenzen hinaus. Da blieb nicht viel Zeit für Artikel in diesem Blog.

Solange sich der Winter so trist gibt, wie im atmosphärischsten aller Hüpfspiele ("Limbo"), gibt es viele lange Abende, um das bunte Angebot historischer Inszenierungen in Videospielen auszuprobieren. Was ich dafür empfehle, siehe weiter unten (Abb.: eigener Screenshot aus Limbo)
Solange sich der Winter so trist gibt, wie im atmosphärischsten aller Hüpfspiele („Limbo“), gibt es viele lange Abende, um das bunte Angebot historischer Inszenierungen in Videospielen auszuprobieren. Was ich dafür empfehle, lesen Sie weiter unten. (Abb.: eigener Screenshot aus Limbo)

Trotzdem habe ich jetzt zum Jahreswechsel noch etwas für Sie geplant. Wenn die Tage so düster und wechselhaft sind, wie sich der Winter in diesem Jahr zeigt, bietet sich natürlich eines an: Nehmen Sie sich – ja, gerade auch die Skeptiker – ein wenig Zeit und befassen Sie sich mit wenigstens einem der herausragenden Versuche des letzten Jahres, Geschichte in Form eines Videospieles darzustellen. Und das muss – bei dem rasanten Preisverfall des schnellebigen Videospiele-Marktes – noch nicht einmal teuer sein. Sie werden überrascht sein, was Sie dort erleben.

Machen Sie sich also in den folgenden kurzen Absätzen ein Bild über sechs besonders erwähnenswerte, aktuelle Spiele mit historischen Inszenierungen, die sich mal schenken können… nachträglich zum Fest. Natürlich gäbe es noch viel mehr Spiele vorzustellen, aber irgendwas muss ich mir auch noch für das kommende Jahr aufheben. Ich wünsche ein gutes 2015 für Sie alle!

Assassin’s Creed Unity

(PS4 | XBoxOne | PC)

Trotz einiger technischer Startprobleme bietet Unity eine unvergessliche Reise in das Paris der Französischen Revolution und eine Geschichte voller berühmter Persönlichkeiten und Ereignisse (Abb.: Ausschnitt Marketing Ubisoft)
Trotz einiger technischer Startprobleme bietet Unity eine unvergessliche Reise in das Paris der Französischen Revolution und eine Geschichte voller berühmter Persönlichkeiten und Ereignisse. (Abb.: Ausschnitt Marketing Ubisoft)

Das jüngste, fünfte Abenteuer der Blockbuster-Reihe, die seit 2007 schon diverse Schauplätze der Geschichte besucht hat, lässt Spieler in das Paris der Französischen Revolution eintauchen. In einer Bildschirmperspektive, die den Spieler leicht erhöht von hinten zeigt (Schulterperspektive), sucht man sich akrobatisch über Tische, Balken und Dächer seinen Weg durch die Stadt, verteidigt rebellierende Städter gegen die Herrschaft, geht Verschwörungen auf den Grund und vollzieht Attentate. Auch wenn für ->Assassin’s Creed Unity ein sehr gut ausgestatteter PC oder eine der beiden Konsolen ->Playstation4 oder ->XBoxOne notwendig sind, lohnt sich diese Investition ganz sicher. Um den beeindruckend inszenierten Charakteren dieser Zeit wie Maximilien de Robespierre oder Marquis de Sade im Angesicht gegenüberzutreten, muss man leider besonders auf dem PC noch einige lästige Programmfehler in Kauf nehmen. Verbesserungen werden in den nächsten Wochen via Internet erfolgen. Härtegrad und Komplexität der Spielmechanik sind zudem anspruchsvoll. Dafür motiviert jedoch die vielfältige Kulisse einer der schönsten europäischen Metropolen ihrer Zeit zwischen vor Armut zerfledderten Gestalten der Gossen, bizarren Massen-Guilloutinierungen und dem barocken Bombast der Herrschaftsschichten. Wer sicher gehen will, greift zu der grafisch weniger ansehnlicheren, aber deutlich stabileren Version der XBoxOne.

Kostenpunkt: Unity kostet im Handel je nach Plattform zwischen 50 und 65 €. Die Konsolengeräte kosten im Falle der PS4 ca. 400€, eine XBoxOne etwa 350€, was durch Unterschiede in ihrer Leistungsfähigkeit sehr berechtigt ist.

The Secret World

(PC)

Einen kreativen Umgang mit historischer Überlieferung aus Mythen und Legenden, gepaart mit einer erzählstarken Welt und einem sozialen Spielerlebnis, bietet nur The Secret World. (Abb.: eigener Screenshot, Tempel Echnatons)
Einen kreativen Umgang mit historischer Überlieferung aus Mythen und Legenden, gepaart mit einer erzählstarken Welt und einem sozialen Spielerlebnis, bietet nur The Secret World. (Abb.: eigener Screenshot, Tempel Echnatons)

Zwar ist das Multiplayer-Online-Rollenspiel (MMORPG) mit dem verheißungsvollen Namen ->The Secret World schon seit 2012 auf dem Markt, im Jahr 2014 erhielt es jedoch das bislang größte inhaltliche Update und mit dem fernöstlichen Tokio eine neue Region. Da es für mich eines der herausragendsten mit Geschichte hantierenden Spiele überhaupt am Markt ist, nehme ich es hier mit auf. Die Prämisse des Spieles macht es zu einem wundervollen, narrativ sehr aufwändigen Unikat am Markt. Es spielt in unserer zeitgenössischen modernen Welt, in der eine Vielzahl von Mythen und Legenden der Menschheitsgeschichte zum Leben erwacht sind. Die drei spielbaren Hauptfraktionen operieren von ihren Zentren New York, London und Seoul aus daran herum, wie sie die Umwälzungen für ihre Zwecke nutzen könnten.

Währenddessen entsteigen indianische und skandinavische Sagengestalten aus dem neuenglischen Atlantik, Sonnen-Pharao Echnaton kehrt rachsüchtig und machthungrig nach Ägypten zurück und in Rumänien bereiten Vampire einen Feldzug gegen die Lebenden vor. Die damit verbundenen Abenteuer und die daran beteiligten Charaktere sind auch auf Deutsch sehr gut vertont und werden meist mit filmreifen Sequenzen eingeleitet. Durch die Erzählstruktur eines MMORPGs gelingt es ->The Secret World unaufdringlich komplexe Hintergründe in einer Vielzahl einzelner Orte, Geschichtenfetzen, großer Geschichten und kleiner Nebenmissionen zu verknüpfen. Sich die Zusammenhänge erdenken, muss man allerdings sehr stark selbst. Auf viele Kritiker wirkte genau das verzettelt, was meiner Ansicht nach mehr über die Kritiker aussagt als über das Spiel. Ich hingegen meine, hier hat ein Videospiel erstmals überhaupt die volle narrative Tiefe digitaler Netzwerkstrukturen genutzt und historisches Potenzial einfallsreich eingesetzt.

Kostenpunkt: Das Spiel ist lediglich für PCs erhältlich, wird ausschließlich online gespielt, erfordert aber gegenüber vergleichbaren Konkurrenten keine Monatsgebühren mehr. Im Handel erhalten Sie es für einmalig 20-25 €, allerdings sind mittlerweile 10 optionale inhaltliche Updates erschienen, die den Erzählkosmos erweitern und mit je ca. 10 € zu Buche schlagen.

Lesen Sie mehr zu diesem Spiel im Beitrag: ->INNOVATION: Da wohnt doch was im Schrank, vom 5. Oktober 2012.

Valiant Hearts – The Great War

(PS3 | PS4 | XBox360 | XBoxOne | PC | Android | iOS)

Eindringlich zeigt Valiant Hearts die Leiden der Menschen im Ersten Weltkrieg auf neuartigen Weisen. (Abb.: eigener Screenshot, Chemin des Dames)
Eindringlich zeigt Valiant Hearts die Leiden der Menschen im Ersten Weltkrieg auf eine neuartige Weise. (Abb.: eigener Screenshot, PS3-Version, Chemin des Dames)

Sehr viel kleiner und kostengünstiger war die Produktion von ->Valiant Hearts – The Great War, einem spielmechanisch wenig beeindruckenden Titel von Ubisoft Montpellier, der im Sommer 2014 erschien. Doch dieses einsteigerfreundliche, kleine 2D-Jump-n-Run-Rätselspiel machte aus einem anderen Grund von sich reden. Es erschien rechtzeitig zum hundertjährigen Gedenken des Ausbruchs vom Ersten Weltkrieg  und thematisiert ebenso einfühlsam wie erwachsen die Schicksale einer deutsch-französischen Familie und ihrer Freunde, die in den Wirren der Kämpfe auseinandergerissen werden und nun verzweifelt versuchen, wieder zueinander zu finden.

Zwei Aspekte an diesem Spielerlebnis sind geschichtswissenschaftlich besonders erwähnenswert: Erstens gelingt es diesem Spiel durch die verschiedenen Hauptfiguren eine Geschichtserfahrung unterhaltsam und spannend, aber eben doch auch bedrückend und beängstigend zu inszenieren, wie sie multiperspektivischer und vorbildlicher kaum sein könnte. Zweitens kann man in den Gräben vielerlei Utensilien der Zeit finden, für die dann Informationen in eine Datenbank eintragen werden. Bei reinen Sachdaten zu den Fundstücken aber bleibt das Spiel nicht einfach stehen, sondern erläutert im Gegensatz zu vielen anderen Videospielen, welche Bedeutung im Kontext der Zeit bestimmte Objekte für die Menschen hatten. Es ist ein kleines Spiel, aber ein sehr großer Meilenstein für historische Darstellungen in Videospielen. Mittlerweile ist es auch auf allen gängigen Plattformen verfügbar.

Kostenpunkt: Sie erhalten dieses Spiel für PC im Handel als Download-Code für etwa 9 €, für die Playstation-Konsolen kostet es ca. 14 € und im XBox Live-Store ungefähr 15€. Seit Herbst läuft das Spiel auch auf mobilen Geräten wie Tablets oder Mobiltelefonen auf Android-Basis, wofür es via GooglePlay Store für für 15 € erhältlich ist. Auch als iOS-Version können Sie es für ca. 5 € erstehen.

Lesen Sie mehr zu diesem Spiel im Beitrag: ->INNOVATION: Zersiebt, verlobt, verheiratet vom 6. Oktober 2014.

Papers, Please!

(PC | Linux | OS X | iOS)

Arstotzka öffnet seine Grenzen und eröffnet einen ungewöhnlichen Zugang auf postsowjetische Transformationsprozesse. (Abb.: Banner / Offiz. Seite)
Arstotzka öffnet seine Grenzen und eröffnet einen ungewöhnlichen Zugang auf postsowjetische Transformationsprozesse. (Abb.: Banner / Offiz. Seite)

Auch wenn sein Schöpfer es nicht explizit so ausdrückt, zeichnet ->Papers, Please! das Abbild eines Behördenalltags an einer postsowjetischen Grenzstation. Doch es ist weit mehr als nur die offensichtliche Verwaltungssimulation. ->Lucas Pope gelang es (als alleinigem Entwickler), die Atmosphäre des Umbruchs in Osteuropa am Ende des 20. Jh. grafisch und spielerisch mit geringen und doch raffinierten Mitteln einzufangen. Zu Beginn des Spieles lost eine staatliche Arbeitslotterie den Spieler dem neu geschaffenen Grenzübergang Grestin des stolzen Landes Arstotzka zu. Als sich die Metalljalousie des Grenzerhäuschens hebt, blickt der Spieler in farblich und modisch an Besuche im ehemaligen Ostblock erinnernde Gestalten. Jahrzehntelang hatte sich das Land nach außen abgeschottet, so dass nun dutzende Personen zugleich um Einlass bitten. Natürlich wird nun nicht jeder in das im Übergang befindliche Land eingelassen. Der Staat lässt zunächst nur Ausgewählte, dann nur nachweislich eigene Bürger, schließlich aber auch fremde Touristen und Menschen mit Arbeitsvisum zu. Dabei ist ein wachsender Wust bürokratischer Auflagen zu beachten, die den Alltag sehr stressig gestalten.

Das wäre alles nicht so schlimm, wenn man als Grenzer nicht von Fallpauschalen leben würde und die Zeit am Schreibtisch angesichts der Bürokratie verfliegt. Geschehen Fehler, gibt es Abzüge. Das Salaire am Posten ist also nicht gerade auskömmlich. Wie problematisch eine solche Unterfinanzierung werden kann, lässt sich am Ende des Tages an einem Bildschirm sehen, auf dem der Tagesverdienst auf die hungernde und frierende Familie verteilt werden muss. Sie brauchen Essen und eine beheizte Wohnung. Oma benötigt Medikamente. Der eigene Sohn ist krank, weil tags zuvor die Heizung nicht bezahlt werden konnte. Wer hier entscheiden muss, entscheidet sich höchstens für das Geringste der Übel. Hinzu kommt, dass man als Grenzer zwischen die Fronten von Geheimdienst und Rebellen gerät, die um Gefallen bitten, die man eigentlich nicht ablehnen kann. Auch müsste man gelegentlich Mörder ins Land lassen, will man nicht willkürlich handeln. Obendrein gibt es Anschläge auf den Grenzposten, danach verschärfte Auflagen und schließlich sogar einen Krieg mit einem Nachbarland.

Das Spiel ist deswegen eines der großen historischen Highlights der letzten Jahre, weil es auf eine sehr eindringliche Weise mit geringen Mitteln, Verständnis für die Nöte von Menschen im Übergang der 1990er Jahre schafft. Gleichzeitig nimmt es sich mit einem Grenzbeamten auch jemanden zum zentralen Akteur, der sowohl Opfer als auch Täter einer solchen Zeit wird. Ein sehr empfehlenswertes Erlebnis, das einfach zu erlernen ist, schwer jedoch zu meistern.

Kostenpunkt: Der Indie-Titel ist nur als Download erhältlich. Via den Steam-Shop oder gog.com kostet es 10$. Darüber ist es auf PCs mit dem Betriebssystem Windows oder Linux, aber auch auf einem Mac spielbar. Auch für das iPad existiert mittlerweile eine Variante. Im Apple-Store kostet sie ca. 8$.

Lesen Sie mehr zu diesem Spiel im Beitrag: ->DGBL: Thou Shalt Not Pass vom 16. Dezember 2013.

Watch_Dogs

(PS3 | PS4 | XBox360 | XBoxOne | PC | Android (Companion) | iOS (Companion) | Wii U)

In einem dystopischen Entwurf von Chicago nutzt Hacker Aiden Pierce die übermächtigen vernetzten Systeme unserer Zeit gegen ihre Betreiber. (Abb.: Ausschnitt Screenshot Marketing Ubisoft)
In einem dystopischen Entwurf von Chicago nutzt Hacker Aiden Pierce die übermächtigen vernetzten Systeme unserer Zeit gegen ihre Betreiber. (Abb.: Ausschnitt Screenshot Marketing Ubisoft)

Das moderne Chicago hat in ->Watch_Dogs von ->Ubisoft Montreal ein erhebliches Problem, das die meisten Menschen zugunsten ihrer eigenen Sicherheit zu ignorieren gewillt sind: Die Stadt wird von einem System namens ctOS verwaltet, das alle möglichen elektronischen Systeme wie Kameras und Ampeln, Gasverteiler und Straßenbrücken mithilfe mobiler Kommunikationsmittel vernetzt. Das ist natürlich ein sehr interessantes Betätigungsfeld nicht nur Regierungen, die hysterisch aus Angst vor Terror gegen die Bevölkerung ihre Freiheit opfern, sondern auch für findige Verbrecher. Die spielbare Hauptfigur Aiden Pierce in dem Open-World-Actionspiel ist ebenfalls als Hacker unterwegs, der sich nicht nur mit sauberen digitalen Jobs seinen Lebensunterhalt verdient. Als er den falschen, mächtigen Kreisen auf die Füße tritt, bezahlt dies seine Nichte mit dem Leben und Aiden sinnt auf Rache.

Für diesen Rachefeldzug statten ihn begabtere Hacker als er mit einem fast allmächtigen Mobiltelefon aus. Nun gut, bei dieser Hintergrundgeschichte haben sich die Entwickler nicht gerade kreativ gezeigt. Andererseits waren sie dafür umso einfallsreicher, als sie die Stadt, ihre Teile, Vorstädte und ihr Umland, zahlreiche Fahrzeuge und Interaktionsmöglichkeiten für Aiden konzipierten. Dieses Spiel macht seinem Genre, dem der „Offenen Welt“, wirklich alle Ehre. Die abstrakt nachgezeichnete Stadt Chicago ist ein weitläufiger Spielplatz mit Dutzenden von Möglichkeiten, sich zu betätigen. Einen Mehrspielermodus, der vom Solospiel getrennt wäre, kennt ->Watch_Dogs übrigens nicht mehr. Mittels seines mächtigen Mobiltelefons stellen andere Spieler via Internet Aufgaben, laden zum Rennen ein oder versuchen Aiden Daten zu stehlen. Via Internet kann man sich auch in laufende Partien einwählen, indem man eine sogenannte Companion-App auf dem eigenen Handy nutzt. Mit diesem Werkzeug kann man anderen das Leben erschweren oder erleichtern.

Auch wenn es sich um ein modernes Setting handelt, ist dieses Spiel aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive sehr beachtenswert. So schufen die Entwickler eine glaubwürdige Dystopie als Denkmal für die zeitgenössischen Bedenken gegen den Überwachungsstaat, dessen Fähigkeiten und Befugnisse Tür und Tor für Missbrauch öffnen. Dazu müssen diese Mittel noch nicht einmal in die Hände von Verbrechern geraten, wie das Spiel eindrucksvoll untermauert. Obendrein gab sich ->Ubisoft Montreal große Mühe, das digitale Abbild der Stadt als plausibles Chicago erscheinen zu lassen, ohne dass es tatsächlich dem Grundriss entsprechen würde. Dennoch abstrahierten die Entwickler es so gut um zentrale Landmarken und Sehenswürdigkeiten herum, dass der Eindruck stets glaubhaft bleibt. An zahlreichen Orten der Stadt können Sie als Spieler historische Informationen zu Bandenkriegen, Prohibition, Korruption und politischen Problemen Chicagos sammeln.  Neben westlicher Materialkultur der 2000er Jahre bildet ->Watch_Dogs  natürlich auch ein Stück lebendiger U.S.-amerikanischer Ostküstenkultur ab. Einen Einblick dazu erhält man zum Beispiel im Menü des allgegenwärtigen Smartphones von Aiden. Dessen mp3-Player enthält viele Stücke lokaler Bands und erlaubt, deren Geschichte und Herkunft dort abzurufen. Die Lernkurve eines Open-World-Spieles kann durch den Nutzer sehr gut selbst gelenkt werden, allerdings kann gerade zu Beginn die Vielzahl von Handlungsoptionen auch überfordern.

Kostenpunkt: Die Konsolengeräte der neuesten Generation kosten im Falle der PS4 ca. 400€, eine XBoxOne etwa 350€, was an den Unterschieden in ihrer Leistungsfähigkeit liegt. Eine PS3 oder eine XBox360 erhalten Sie für ca. 200€. Die Spielversionen für die XBox-Plattformen und den PC kosten ca. 40 €, für die Playstation-Varianten bezahlen Sie etwa 10 € mehr. Die beste grafische Vorstellung liefert eindeutig die PC-Variante, erfordert dafür aber auch schon einen sehr gehobenen PC mit wenigstens 8 GB RAM-Speicher. Es existiert noch eine Variante für Nintendos Wii U, zu der ich allerdings nicht guten Gewissens raten kann, weil sie das Spielerlebnis der anderen Plattformen kaum erreicht. Die Companion-Apps für die Mobilgeräte sind kostenlos, bieten aber auch nur einen sehr beschränkten Spielzugang.

Lesen Sie mehr zu diesem Spiel in der ->NEWS: Hey, Watch Your Dog vom 26. Juli 2013.

Tropico 5

(PS4 | XBox360 | PC | Linux | OS X )

Und zuletzt gönne ich Ihnen noch ein wenig Urlaub. Was wäre dafür besser in der dunklen Jahreszeit geeignet als eine tropische Insel, oder? 2014 veröffentlichten ->Haemimont Games mit dem Wormser Publisher ->Kalypso einen neuen Teil ihrer Tropico-Reihe. Nach ein paar eher durchwachsenden Ablegern lieferten sie mit ->Tropico 5 jetzt den bislang gelungendsten Part ab. Darin übernehmen Sie die Herrschaft über eine kleine karibische Insel, die sie wirtschaftlich und politisch aufbauen und durch internationale diplomatische Verwicklungen von 1850 bis heute manövrieren. Dies sollte für Sie kein Problem darstellen, schließlich sind Sie Diktator. Allerdings ist der Alltag eines Diktators keineswegs so selbstherrlich und einfach, wie man vermuten könnte. Das Volk lässt ihnen zwar eine Menge durchgehen, solange aus den schrumpeligen Waldhütten schmucke moderne Plattenbauten werden, genug Arbeit auf die Insel kommt und sie vielleicht sogar Einnahmen durch Touristen. Willkürliche Erschießungen auf dem Marktplatz und Folter in den Kellern ihres Geheimdienstes quittieren die eigenen Inseluntertanen jedoch mit offener Rebellion, die Ihnen teuer zu stehen kommen kann. Da mag es sinnvoller sein, studentische Proteste zuzulassen und dem Ansinnen nach Wahlen nachzugeben, solange man einen Plan hat, was mit den Wahlurnen geschehen soll. Möglicherweise finden Sie ja auch einen Weg, ehrlich zu gewinnen. Zu viel aufsehenerregendes Unrecht sollte es auch nicht geben, weil die westlichen Demokratien sich spätestens im Kalten Krieg sonst gern mal einen Schurkenstaat vor die Brust nehmen. Andererseits bringen sie oft auch Geld mit, um Wohlverhalten zu belohnen. Natürlich können Sie sich auch an die Sowjets wenden, wenn Sie sich mit stationierten Truppen oder Raketen Ärger einhandeln wollen. Hach, ein Diktator hat eben ständig schwerwiegende Entscheidungen zu treffen.

Mit seinem neuen Ableger verschafft ->Haemimont Games dem Diktator-Simulator ->Tropico 5 endlich den Spielfluss, die Technik, die Spielmechanik und die Steuerung, welche die Reihe verdient hat. Das Spiel mit der Diktatur ist zunächst eine klug ausgefeilte Wirtschafts- und Politiksimulation, in der Sie ein funktionierendes Inselgemeinwesen aufbauen müssen. Das Volk, so werden Sie schnell feststellen, ist Ihnen ungerecht, ungnädig und undankbar, allerdings haben Ihre Untertanen ihr eigenes Überleben mehr im Sinn, als das staatliche Wohlergehen. Schon dieser aufbauende Bestandteil zeigt gewisse strukturelle Abhängigkeiten solcher Modernisierungsdiktaturen auf, weil Kapitalströme durch Agrar- oder Rohstoffexporte oder Tourismus auf das Eiland gelenkt werden müssen. Je nachdem, für welche Komposition man sich entscheidet, bringt dies nicht nur Lösungen, sondern auch neue Probleme mit sich. Zusätzlich haben sich die Entwickler noch mehr Gedanken als bei den Vorgängern darum gemacht, wie sie die teils bizarren, teils widersprüchlichen, teils aber auch charmanten Seiten einer Entwicklungsdiktatur in einen längeren historischen Bogen von 1850 bis heute einspannen können. Dazu gehören koloniale Nachwirkungen und die Folgen der Weltkriege ebenso wie Rohstoffkrisen oder der langanhaltende Ost-West-Konflikt. Es ist schwer, die Spielmechanik zwischen Wirtschaft und Machterhalt auszubalancieren, allerdings motiviert die karibische Atmosphäre mit zahlreichen Details sehr. Ich wünsche viel Vergnügen.

Kostenpunkt: Sie zahlen für die PC-Version etwas über 30 €. Auf den Konsolen liegen die Preise höher. Die PS4-Version wird im Januar 2015 erscheinen und kostet dann ca. 60 €. Die Konsole PS4 wird für etwa ca. 400€ gehandelt. Die bereits erhältliche Variante für XBox360 schlägt mit etwas über 50 € zu Buche, wobei die Spielkonsole hier etwa 200€ kostet. Die Versionen für OS X und Linux können Sie zum Beispiel über den Service Steam beziehen. Dort kostet das Spiel ca. 45 €, allerdings gibt es regelmäßig Rabattaktionen, auf die es zu warten lohnt.

Der Trailer zum Start von Tropico 5 verströmt Urlaubsatmosphäre. Vielleicht nehmen Sie diese Herausforderung an… (Tropico 5 – Release Trailer / Kanal Kalypso Media via Youtube)

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