KOMMENTAR: Gibt’s das auch als Film? (Teil 5)

Teil 5 – Die Youtubisierung des Abendlandes


Schon lange hatte ich geplant, dem Spielejournalismus in seinen verschiedenen Formen, einen umfassenden Beitrag zu widmen. Der Artikel sollte vor allem die gegenwärtige Lage der Redakteure und TV-Produzenten kommentieren – mit einem Schwerpunkt im deutschsprachigen Raum. In jüngster Zeit brechen sich nun zahlreiche Entwicklungen Bahn, welche dem Spielejournalismus rasant ein neues Gesicht verleihen.
Es ist höchste Zeit, dass mein Blog in einen Rundumschlag den gegenwärtigen Status zusammenfasst. Angesichts der Vielzahl von Veränderungen konnte dieser Überblick nur sehr lang werden. Daher erscheinen im Abstand von wenigen Tagen mehrere Blogbeiträge zu verschiedenen Facetten. Die Serie schließt mit einer Bewertung der jüngsten Veränderungen und einem ebenso vorsichtigen wie gewagten Ausblick.

Liest Du noch, oder glotzt Du schon?

Die Netzwerke, welche die verschiedenste Aspekte der Spielekultur im Internet eng verweben und zugleich dokumentieren, enthalten zu einem wachsenden Anteil Bewegtbildformate. Schon länger entwickeln sich diese sehr viel dynamischer als textbasierte Angebote oder Audio-Podcasts. Sicherlich hängt diese Entwicklung gerade bei Produktionen zu digitalen Spielen damit zusammen, dass diese Spiele selbst ein visuell stark beeindruckendes Medium sind. So scheinen Videos auf den ersten Blick die natürlichen Verbündeten zu sein, um sie zu präsentieren.

Ob nun GameTube, Giga Games oder RocketBeansTV, Videoportale wie Youtube oder Webstreams bei Twitch oder aufwändige Reportagen wie der "Killerspiele"-Dreiteiler von Christian Schiffer - Bewegtbildformat sind eindeutig auf dem Vormarsch. (Abb. eigene Collage aus Screenshots)
Ob nun GameTube, Giga Games oder RocketBeansTV, Videoportale wie Youtube oder Webstreams bei Twitch oder aufwändige Reportagen wie der „Killerspiele“-Dreiteiler von Christian Schiffer – Bewegtbildformat sind eindeutig auf dem Vormarsch. (Abb. eigene Collage aus Screenshots)

Keineswegs aber muss ein Videoformat für jeden verfolgten Zweck immer das richtige Medium sein. Ohne weiter darüber nachzudenken, werden dennoch täglich immer mehr Videos über digitale Spiele gestreamt oder in Videoportale hochgeladen. Sie gewinnen allein durch ihre schiere Präsenz Einfluss auf die Produktionsformen, und damit letzlich auf die Inhalte. Und so wäre es klug, einmal genauer darüber nachzudenken, in welcher Weise dies getan wird.

Der folgende Teil der Serie zum Spielejournalismus wird sich daher mit den Entwicklungen im TV-Bereich, der Bedeutung von Streaming à la Youtube und dem Einfluss der Bewegtbildkonzepte auf andere Formen des Spielejournalismus befassen. Das scheint mir auch genau der richtige Zeitpunkt, jetzt, wo sich erhebliche Umwälzungen anbahnen, an denen ein Hamburger Streamingsender einen wichtigen Anteil hat…

Über die Schultern von Giganten

Mitte der 2000er Jahre begannen immer mehr Spieler ihre Spielerfahrungen aufzuzeichnen und ins rasant wachsende Internet hochzuladen. Dabei setzte sich ->Youtube als Anbieter weitgehend durch. Je mehr die Aktivität der Nutzer stieg, umso mehr kannibalisierte das Netzwerk andere Alternativen. In einer gewissen Wechselwirkung verbilligte sich parallel dazu die Aufnahmetechnik, was wiederum mehr Menschen dazu brachte, sich auf der Video-Plattform zu präsentieren.

Neben Zeitschriften, Fernsehsendern und anderen institutionellen Urhebern fand sich ein großes Netzwerk an diesen sogenannten „Let’s-Playern“ zusammen, um die sich eine riesige Fangemeinde sammelte. In einem solchen Format filmt sich der Spieler selbst und kommentiert seine Beobachtungen und Erlebnisse im Spielgeschehen. Spieler schätzen diese Entertainment-Spielerei zum Beispiel deswegen, weil man angesichts ihrer großen Zahl nicht alle Spiele selbst spielen kann, die erscheinen. Manches sieht man sich dann halt nur an. Andererseits liefern diese „Spielfilme“ auch einen Eindruck, der bei der Kaufentscheidung hilft, oder an Stellen, an denen man nicht ohne Hilfe weiterkommt. Manche dieser Let’sPlayer genießen regelrecht Kultstatus.

Erik Range verhalf unter seinem Pseudonym Gronkh mit einer legendären Reihe von Let’s Plays zu Minecraft nicht nur unterhaltsam diesem Klötzchen-Abenteuer-Spielplatz zu einem breiten Durchbruch, sondern auch dem Format der Let’s Plays (Let’s Play Minecraft #001 [Deutsch] [HD] Alles auf Anfang | Kanal Gronkh via Youtube vom 19.10.2010)

Zu deren prominentesten deutschsprachigen Vertretern gehören sicherlich ->Gronkh (Erik Range) und ->Sarazar (Valentin Rahmel) mit ihrem unterhaltsamen Netzwerk ->PlayMassive. Ersterer wurde vor allem durch seine launige Reise durch die prozedurale Abenteuerwelt von ->Minecraft berühmt. Zwischen Wahnsinn, Plauderei und Konstruktionswut begeisterte er Millionen Zuschauer für sich und den digitalen Sandkasten. Besonders die Mehrspieler-Partien mit Sarazar und anderen haben es mir selbst angetan – grandios kämpften sie sich beispielsweise als Quartett im kooperativen Modus mit grober Kelle durch das zombieverseuchte Ferienparadies von ->Dead Island.

Nur dabei – statt mittendrin

Während bei solchen Plattformen Videos hochgeladen werden und dafür meist noch zu bearbeiten sind, begann vor Kurzem ein neuer Trend: Anbieter wie ->Twitch ermöglichen, die Spielerfahrung simultan über das Netz zu verbreiten. Interessierte klinken sich dann in diese Streams ein und können sich nebenher in einem Textchat beteiligen. Diese Kommunikation ist natürlich viel unmittelbarer als ein Youtube-Upload mit Kommentarfunktion. Ähnlich wie „No-Comment“-Formate etwa bei ->EuroNews versprechen sie jedoch eine Neutralität, eine Wertfreiheit, die sie nicht halten können: Wer nur einen Moment darüber nachdenkt, stellt fest, dass natürlich selbst die Wahl des Bildausschnittes bereits eine Interpretation ist.

Was an ->Twitch wenig spektakulär nach Videotelefonie mit Tuschelchat klingt, ließ sich Versandgigant ->Amazon vor Kurzem etwa 850 Mio. € kosten. Ganz so schlicht ist die Technologie wohl nicht. Aufgrund des Formates sind zwar nur Live-Mitschnitte denkbar, gerade dem rasant wachsenden eSport bietet die Technik jedoch große Chancen, um Events hautnah um den ganzen Globus zu schicken. Deswegen steigt ->Amazon mit seinem Zukauf Twitch nun auch in die Spiele-Entwicklung ein: im Programm haben die ->Amazon Game Studios bereits einen Arena-Shooter, der ein wenig blutleer auf Turniere getrimmt wurde. Es ist jedoch auch ein waschechtes Online-Rollenspiel in Planung, über das jenseits seines mäßig originellen Namens ->New World und ein wenig Marketing-Sprech allerdings kaum etwas bekannt ist.

Nach dem Kauf des Anbieters Twitch implementiert nun der Versandriese Amazon gezielt Streaming in die Produktionen seines Amazon Game Studios. (Amazon Game Studios Unboxing: Crucible, New World, and Breakaway | Kanal Amazon Game Studios via Youtube vom 3.10.2016)

Von dieser saftigen Sahnetorte möchten natürlich auch andere Anbieter ein gutes Stück kosten. Als Antwort forciert ->Google das Streaming nun auch auf der Plattform ->Youtube. Technologien gibt es in diesem Segment zuhauf, wie zum Beispiel ->Periscope, das zweifelhafte Bekanntheit erlangte, als Passanten im Sommer dieses Jahres den rassistischen Attentäter von München, aber auch die Positionen der Beamten live übertrugen. Allerdings wurden mit der Technik bereits ganze Konferenzen ohne übermäßigen Aufwand ins Netz gestreamed. Mit ->Adobe Connect stellt übrigens die ->Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) mittlerweile ähnliche Werkzeuge zur Verfügung. Das im ->Deutschen Forschungsnetz (DFN) angebotene ->DFN Video Connect ist bemerkenswert unbekannt, funktioniert aber hervorragend, und wird deswegen hier erwähnt.

Ins Bild gesetzt?

Diese technologischen Entwicklungen beeinflussen jedoch nicht nur Videoformate. In den Sog dieser Youtubisierung geraten daneben die auf Print konzentrierten Magazine, die ohnehin schon lange auf eine starke Präsenz im Internet setzten. Mehr und mehr scheint der Trend sie zu schnell produzierten Testvideos oder abgefilmten Sprecherkommentaren zu drängen. Sie richten eigene Let’s Play-Formate ein und veröffentlichen Rankings wie die Top 10 der lustigsten Momente in digitalen Spielen. Man merkt vielen dieser Formate an, dass sie mit Aufsehen erregenden Titeln Klicks einfangen sollen, jedoch eilig zusammen geschustert sind und kaum echte Inhalte bieten.

In ungewöhnlich großer Runde widmete sich der Press Select-Talk auf Rocketbeans TV dem Thema Let’s Plays und fragte nach dem Schaden und dem Nutzen für digitale Spiele, die Spielkultur und die Wirtschaftsbranche. Moderiert von Colin Gäbel waren die Diskutanden der zweistündigen Sendung Matthias Mirlach (Capcom, Marketing), Martin Le (Gametube), Michael Obermeier und Daniel Feith (Gamestar, GamePro, GameTube) sowie Gregor Kartsios (RBTV) (Press Select #12 Let’s Play Fluch oder Segen 10.7.2016 |Kanal RBTV via Youtube)

Bedauerlich ist, dass kaum jemand darüber nachzudenken scheint, ob nicht bestimmte Inhalte vielleicht mit anderen, zum Beispiel textlichen Formaten besser bedient wären. Ob Kommentarrunden, in denen ein paar Redakteure ohne Anschauungsmaterial über ein Spiel streiten, wirklich gefilmt werden müssen? Ein Audiotrack wäre da vielleicht sinnvoller. Schmissige Filmchen zu visuellem Bombast, Gameplay und akustischen Effekten können komplexe Zusammenhänge ohnehin nicht ersetzen, die gedruckte Magazinbeiträge mit gut recherchierten Hintergründen leicht aufschlüsseln.

Den Markt beherrschen jedoch Lemminge, die immer nur das produzieren, was gerade als Trend bei allen anderen gilt. Aufseiten der Kunden wird häufig das nachgefragt, was bei allen anderen Kunden trendet. So droht die Verschiedenartigkeit der Angebote im mutlosen Einerlei unterzugehen. Umso dankbarer bin ich da für Projekte, die gegen den Strom schwimmen, wie der Magazinteil von der ->Gamestar oder das Bookazine ->WASD. Doch auch im Bereich der Video-Streamer stemmen sich Rebellen erfolgreich gegen die Einheitsverwahrlosung auf Youtube.

Schau, schau… TV!

Das wohl umtriebigste und erfolgreichste Team an der vordersten Front des Journalismus sind – wenn nicht überhaupt, dann doch im Bereich TV-/Streaming – die Hamburger von ->RocketbeansTV. Eigentlich beginnt deren grandioser Erfolg in einem Parallelunversum zu den etablierten Fernsehsendern mit einem sehr traurigen Tag. Ihr ebenso einfallsreiches wie beliebtes Format ->GameOne wurde zum Jahreswechsel 2014/15 von Viacom, dem Anbieter der Jugendsender ->MTV und ->Viva, in einem Handstreich abgesetzt (->PCGamesHardware: MTV setzt Spielesendung GameOne ab – Nachfolger auf Twitch?, in PCGamesHardware vom 24.12.2014). Ein heftiger Aufschrei, dem ich mich auch nicht entziehen konnte, hallte durch die Gaming-Szene.

Wiederschau’n und Reingehau’n – kein schönes Weihnachten für ein talentiertes Team. Das Ende von GameOne schlug 2014 auch beim Produktionsteam wie eine Bombe ein. (Making of GameOne 307 | Letzte Folge | Backstage | Kanal Jacki tori via Youtube vom 15.8.2015)

Dieses Fanal entpuppte sich nicht etwa als Ansporn, dass öffentlich-rechtliche Sender ihre eigenen Formate wie ->Pixelmacher und ->Reload nun noch ernsthafter betrieben hätten. Im Gegenteil wurde dieses Ende zum Anlass, auch diese einzustampfen. Gut, bei ->Pixelmacher wurden schon seit Ende 2013 nur noch Konserven ausgestrahlt, man hätte das Format sicherlich aber wiederbeleben können. ->Reload hingegen wurde tatsächlich parallel zum 30.12.2014 eingestellt. Seit dem Ende von einsplus im Oktober 2016 ist die Frage, wo das produzierte Material nun hin ist (->Meldung zur Einstellung von einsplus, in: SWR.de vom 30.9.2016). Beim ->Youtube-Kanal jedenfalls sind nun alle Sendungen auf privat gesetzt.

Die Chance zur Profilierung gerade beim jüngeren Publikum wurde verschenkt. In den nachrangigen Spartenkanälen des Öffentlich-Rechtlichen Fernsehens wie ->ZDFInfo finden sich immerhin noch gut recherchierte Dokumentationen – unter anderen der Rückblick zum Stigma ->“Killerspiele“ von ->Christian Schiffer, über den eSport oder Phänomene wie ->World of Warcraft. Kontinuierliche Formate von Aktualität aber hörten auf zu existieren. Bis heute hab ich mich nicht entscheiden können, was für mich der größere Skandal war: dass ->GameOne so abrupt abgesetzt wurde, oder wie die Reaktion der Öffentlich-Rechtlichen darauf ausfiel.

Doch das abrupte Fallbeil sorgte nicht für das Ende solcher Sendungen, sondern für ein Medien-Schisma. Eine Trennung, die den etablierten Fernsehsendern noch sehr leid tun dürfte. Schon in den 2000ern waren viele aus dem ->GameOne-Team durch das TV-Format ->Giga Games im Spartensender ->MSNBC bekannt geworden – vor allem durch fröhlich-fachkundige Moderationen und das sympathische Umschiffen technischer wie spielerischer Unzulänglichkeiten. Das Ende kam damals schleichend, als Anzugträger die Sendung in einen Satellitenkanal verschoben, weil dort die potentielle Kundenzahl bei 400 Mio. liegen sollte. Dieser Schritt offenbarte sich als Fehlentscheidung, welche die bisherigen Kunden wegbrechen ließ – sicher auch, weil nur die wenigsten der neuen Millionen deutsch sprachen.

Beim Start noch etwas hölzern und reich an Fremdscham führte das sympathische Team von Giga Games jedoch zunehmend unterhaltsam durch die Welt der digitalen Spiele. (GIGA \\ Games: Erste Sendung (30.11.2000) | Kanal Link via Youtube vom 19.02.2012)

Als das Management später versuchte, die Sendung in Form eines Webmagazins wiederzubeleben, hatte man die Marke bereits vor die Wand gefahren. Außerdem hatten zu dem Zeitpunkt die wesentlichen, illustren Gestalten bereits eigene Formate ausgegründet und standen nicht mehr zur Verfügung. Unter anderen war das ->GameOne, das durch ausgefallene Berichte, gewohnt sympathische Moderationen und einfallsreiche Rubriken bestach. Nachdem die Grauen Herren von ->Viacom auch diesem Erfolgsformat den Saft abdrehten, nahmen die Macher sehr aufschlussreichen Rückblick in einer Talkrunde. Es fielen deutliche Worte über ständige Querelen mit den Heerscharen mutloser Programmdirektoren und einem Clash of Cultures bei Sehgewohnheiten und Arbeitsweisen.

In der Video-Talkrunde Almost Daily wagten namhafte Spielejournalisten einen Rückblick auf ihre Jahre bei Giga Games und die Veränderungen ihrer Berichterstatter-Branche (Almost Daily #28: GIGA Nostalgie mit George und Jochen | Kanal RocketBeansTV via Youtube vom 15.7.2013)

Unkaputtbar

Insofern mischte sich – nach einem bemerkenswert emotionalen Abschluss des Sendeformats – in die Empörung und Trauer wohl auch eine gewisse Erleichterung. Nach ein paar Wochen der Besinnung wuchs in dem Kernteam von ->GameOne ein neuer Plan: Sie würden den Schritt zu einem TV-Sender wagen, der 24 Stunden am Tag ins Internet streamt. Das nennt man wohl den Inbegriff einer Vorwärts-Verteidigung.

Mit dem Impuls ihrer Community und ihrem eigenen Selbstvertrauen ausgestattet, ging 2015 RocketbeansTV als Streaming-Sender 24/7 ans Netz – ein Unterfangen, das heute wohl niemand mehr belächelt. (SENDERSTART 15.1.2015 | WWW.ROCKETBEANS.TV | TEASER | Kanal RocketBeansTV via Youtube vom 9.1.2015)

Auch mithilfe von Spenden der Community und den Umsätzen aus dem Merchandising startete dieser Webkanal schließlich, vollgestopft mit Gaming-Themen, nächtlichen Let’s Plays, Live-Veranstaltungen, aber auch Livestyle-Formaten, Kinokritiken, Musik und Lebensberatung für Probleme der Zielgruppe. Leben hauchte ->Rocketbeans.tv (RBTV) jedoch erneut das verschmitze Team ein – ein Stil, der spätestens jetzt im zweiten Jahr längst zur Marke geworden ist. Gemacht wird das, was die Redakteure begeistert, und das spürt man, auch wenn es eher einen kleinen Zuschauerkreis gibt wie beim Buchclub. 65 Mitarbeiter können die Webunternehmer mittlerweile in Hamburg beschäftigen. Wahrscheinlich ist die Zahl mittlerweile sogar noch höher gewachsen.

Sogar das öffentlich-rechtliche Fernsehen würdigte die Leistungen der innovativen Hamburger von RocketBeansTV mit einem Bericht des ZAPP Medienmagazins vom NDR. (RocketBeans: Gefeiertes Nerd-TV aus dem Netz | ZAPP | NDR | Kanal ZAPP – Das Medienmagazin via Youtube vom 1.9.2016)

Ich weiß nicht, ob den Programmchefs herkömmlicher Fernsehsender mittlerweile ein Licht aufgeht, was für eine Katastrophe mit dem Erfolg von ->RBTV langfristig für sie heraufzieht. Allen Unkenrufen zum Trotz hat das Konzept eines Streamingsenders wirtschaftlich und inhaltlich bewiesen, tragfähig zu sein, und wächst stetig. Gerade im Bereich der öffentlich-rechtlichen Sender ist dies ein großes Problem, denn sie konnten mit den Games-Sendungen ihren kulturellen und staatsbürgerlichen Bildungsauftrag an eine jüngere Zielgruppe binden. Nun bietet sich denen ein Rund-um-die-Uhr-Unterhaltungsangebot, das so gut wie keine Überschneidung mit TV-Sendern mehr schafft. Möglich, dass sich das Fernsehen zumindest für die Games-Kultur damit quasi selbst abschafft.

Schisma

Und natürlich ist das aus einer gesellschaftlichen Perspektive auch ein Problem: so innovativ, unterhaltsam und informativ ich ->RBTV auch persönlich finde, beschränkt sich das Themenspektrum doch weitgehend auf Spielaspekte und die Subkultur drumherum. Das ist zwar aus der journalistischen Perspektive zu digitalen Spielen herausragend gut, es lässt aber eben auch Lücken, zum Beispiel was gesellschaftliche und politische Themen außerhalb dieser Filter-Bubble angeht.

Hier wenden sich also gerade viele junge Menschen nicht nur von TV-Sendern ab, sondern gleich von der gesamten Fernsehlandschaft. Es manifestiert sich ein Bruch zwischen Medienkulturen. Wer die Glotze jedoch erstmal abgeschafft hat, kehrt nicht mehr zurück. Mit einem wesentlichen Teil der Jugendkultur ist daher nicht nur von den Themen her ein tiefer Bruch vollzogen, denn diese Menschen benötigen die etablierten TV-Sender nicht mehr. Die Spaltung verläuft nun genau zwischen herkömmlichen Fernsehsendern und dem Webstreaming.

Was ist eigentlich ein Rocketbean? Einen Überblick über die Formate liefert der Image-Trailer von RocketBeansTV (Rocket Beans TV in 94 Sekunden | Kanal RocketBeansTV via Youtube vom 17.9.2015)

Es ist schwer, die Tragweite dieser Entwicklung vorherzusehen. Sollten die Verantwortlichen der TV-Sender weiter den Tiefschlaf pflegen, halte ich es für denkbar, dass die Machtverhältnisse sich mittelfristig umkehren. Es ist den Wirbelwinden der ->Rocketbeans zu wünschen, dass sie zu diesem Hurricane werden. Ob diese Entwicklung insgesamt auch für die inhaltliche Breite unter Bewegtbildmedien positiv oder negativ ist, bleibt abzuwarten. Wie die jüngsten Beiträge des Medienmagazins ->ZAPP vom August 2016 jedenfalls zeigen, verstehen die Macher von ->RBTV ihren Erfolg lediglich als Auftakt zu etwas Größerem.

Qualitativ und von der Breite noch lange nicht da angekommen, wo sie hin wollen – Arno Heinisch, Producer des Senders, im ungekürzten Interview mit dem Medienmagazin ZAPP des NDR. („Sind noch lange nicht da, wo wir hinwollen“ | Zapp | NDR | Kanal Zapp – Das Medienmagazin via Youtube vom 31.8.2016)

Brücken in die Zukunft

Im Verlauf der Artikelreihe habe ich einige Entwicklungen aufgezeigt, die in verschiedenen Medienbereichen den Spielejournalismus umkrempeln. Dabei ziehen Kräfte von vielen Seiten an diesem Feld. Magazine wie die Gamestar gelten zwar als vertrauenswerte Instanzen, an deren Einschätzungen sich Branche und Spieler orientieren. Sie tun sich jedoch schwer, einen monetarisierbaren Kurs durch die neue Welt zu halten. Nicht zuletzt ist die Gratismentalität der Kunden ein großes Problem. Aber auch der Objektivismus-Fetisch macht es reflektierten Redaktionen nicht einfacher.

Dabei sprühen Redakteure nicht nur bei der ->Gamestar vor immer neuen Ideen – dort beeindruckt speziell der eingeschlagene Kurs mit dem Magazinteil. Doch kann das gegen die Masse der Youtuber genügen? Zudem änderten sich einige Besitzverhältnisse, mit absehbaren Folgen für die Ausrichtungen der Produkte und dem Selbstverständnis seiner Erzeuger. So schlagen diese Veränderungen auf die journalistische Arbeit durch. Und jüngst scheinen selbst ->ARD und ->ZDF aus ihrem Dornröschen-Schlaf zu erwachen. Aus einem neuen Online-Angebot, dass gar nicht erst versucht, wieder an das klassische TV zu binden, entsteht eine ungewöhnliche Kooperation zwischen traditionellen und neuen Medienakteuren. Wer bei diesem seltsamen Amalgam namens ->funk wie welchen Ton angibt, erschließt sich mir jedoch zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht.

Funky Öffentlich-Rechtlich. Funk, das neue Webportal von ARD und ZDF, will alte und neue Welt vereinen. Neben RocketBeans hat es zum Beispiel mit bekannten Gesichtern wie LeFloid schon mal große Kaliber als Schützenhilfe. (funk – Das erwartet dich | Kanal funk via Youtube vom 29.9.2016)

Natürlich fällt es schwer, bei all diesen voneinander abhängigen Elementen auch nur wenige Monate in die Zukunft zu blicken – nicht nur, weil ich als Historiker wohl der letzte bin, den man zur Zukunft befragen sollte. Dennoch soll der kommende Abschnitt wenigstens zusammenfassen – die Puzzle-Teile zusammensetzen, die man definitiv aus den jüngsten Entwicklungen dingfest machen kann. Bei meinen Schlüssen daraus ist natürlich Vorsicht angebracht, da es sich um meine sehr persönliche Einschätzung handelt. Es würde mich daher sehr interessieren, wie sich die Lage aus Ihrer Sicht darstellt.


weiter zu Teil 6 – Ein vorsichtiger Ausblick (folgt)


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