NEWS: Monster des Krieges

Studierende inszenieren die Leiden im Ersten Weltkrieg durch das Horror-Survival „Ad Infinitum“

Die Gräben sind feucht und schlammig. Bei jedem Schritt sapschen die Füße in den vollgesogenen Stiefeln des Soldaten, der sich gerade mühsam vom Boden aufgerappelt hat. Vom Himmel scheint nur wolkiges Zwielicht, aus dem ihm leichter Nieselregen ins Gesicht sprüht. So senkt er den Blick lieber in die Gräben. Doch, wo sind all die anderen Kämpfer hin? Gespenstisch still und leer, ohne eine Menschenseele, erstreckt sich das Gewirr aus Gängen und Unterständen vor dem Soldaten, der zögerlich seinen Weg fortsetzt. Sein trüber Blick erhascht eine verschwommene Gestalt, die weiter hinten in einer Biegung verschwindet. Ist es ein anderer Soldat? Der Soldat strauchelt, als stärkerer Regen beginnt, den Untergrund aufzuweichen.  Als er sich wieder fängt und aufrichtet, ist die Gestalt plötzlich nur noch wenige Meter entfernt und eindeutig kein Mensch: Ein geisterhafter Albtraum spielt, nur wenige Schritte entfernt, bedrohlich mit seinen spitzen Krallen.

Die Schatten des Ersten Weltkrieges sind häßlich. Vom Horror-Survival Hamburger Studierender kann man das allerdings nicht behaupten. (Abb. Offizieller Screenshot Ad Infinitum Webseite)
Die Schatten des Ersten Weltkrieges sind häßlich. Vom dem Horror-Survival Hamburger Studierender kann man das allerdings nicht behaupten. (Abb. Offizieller Screenshot Ad Infinitum Webseite)

Diese Szene könnte nun den Auftakt zu einem konventionellen Horror-Survival bilden, wie ich sie bereits angesichts der ausgefallenen Spielidee von ->Perception im letzten Beitrag kritisierte (siehe ->NEWS: Blinde Flecken vom 18. Juli 2015). Solche Horror-Survivals geben den Spielern und ihren Hauptfiguren kaum etwas an die Hand, um sich gegen dunkle Kreaturen zur Wehr zu setzen. Wenn nicht die den Schattenwesen überlegene Intelligenz, dann rettet doch zumindest eine hastige Flucht den Spielenden das virtuelle Leben. Waffen, wenn es sie überhaupt gibt, werden nur in allerhöchsten Notsituationen eingesetzt, weil sie entweder wenig wirken, knapp aufmunitioniert sind oder mit ihrer Lautstärke nur noch mehr Unviecher anlocken. Uninspirierte Schockerspiele über Zombies und andere geifernde Monstergesellen gibt es allerdings bald mehr, als man Sandkörner am Elbstrand zählen könnte.

Im ersten Game Trailer offenbaren die Entwickler von Ad Infinitum ein gutes Gespür für die bedrohliche Umgebung, ihre orientierungslose, verängstigte Hauptfigur und Horror-Atmosphäre. (Ad Infinitum | Official Game Trailer / Kanal Ad Infinitum via Youtube)

Die oben beschriebene Szene entstammt dagegen dem Debüt-Trailer von ->Ad Infinitum. Dabei handelt es sich um ein außergewöhnliches Studienprojekt, welches das unaussprechliche Grauen und die verzweifelten Leiden in den Gräben des Ersten Weltkriegs transportieren möchte, indem es die Instrumente des obigen Horror-Genres nutzt. Dem vierköpfigen Team, bestehend aus Studierenden des ->Games Master an der ->Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) in Hamburg, gelingt es nicht nur mit den ersten veröffentlichten Eindrücken, diesen Anspruch greifbar zu machen. Zudem müssen sich weder die Spielumgebung noch die bislang umgesetzte Mechanik technisch hinter aktuellen Produktionen nicht verstecken…

Anhand der spielbaren Demo eines Tutorials, die auf der Engine ->Unreal4 basiert, konnte man sich auf der Projektpräsentation an der HAW Hamburg im Juli davon vergewissern, wie ernst es den ->vier Entwicklern mit ihrer Botschaft ist. Mit einem von ihnen, David-Kay Solèr, tauschte ich mich bereits nach ->meinem Vortrag am 5. Mai in der ->Ringvorlesung „Subkulturen des Spiels“ über das faszinierende Projekt aus. Einen kleinen Ausschnitt des Gesprächs zeigt die ->Diskussionsrunde auf dem Portal der ->Elbe Studios, die am Ende meines Vortrags noch mitgeschnitten wurde.

Auf der einen Seite sollen Schnipsel von Tagebüchern, welche in den Levels zu finden sind, Einblicke in die Lebenswirklichkeit damaliger Frontsoldaten geben. Hauptsächlich irrt der Soldat durch die Gräben, um seinen Bruder wieder zu finden. Solèr ist es sehr wichtig, dass diese Soldaten nicht explizit einer Nationalität zuzuordnen sind. Um den Protagonisten zu einem Stellvertreter für viele Schicksale werden zu lassen, konstruiert er die Tagebucheinträge für das Spiel aus unterschiedlichen überlieferten Quellen. Die zweite Seite des Projektes folgt einem ebenso erfrischend anderen Ansatz: ->Ad Infinitum versucht den Ersten Weltkrieg gar nicht erst lebenswirklich akkurat darzustellen, vielmehr wollen die Entwickler, Emotionen abstrakt und symbolhaft in die Spielrealität übertragen.

Abb. Neben Trümmern, Schlamm und Elend trifft die Hauptfigur auf Relikte von Erinnerungen aus Tagebüchern. (Abb. Offizieller Screenshot Webseite Ad Infinitum)
Abb. Neben Trümmern, Schlamm und Elend trifft die Hauptfigur auf Relikte von Erinnerungen aus Tagebüchern. (Abb. Offizieller Screenshot Webseite Ad Infinitum)

Das eingangs erwähnte Monster dient daher nicht einfach nur als Objekt für Zielübungen, sondern steht für die grauenhaften Erfahrungen, Ängste und Sorgen, welche den Soldaten heimsuchen und die er bekämpft. Die Gegner sollen ähnliche Gefühle in den Spielenden auslösen. So überzeugend ich diesen Einfall prinzipiell finde, ist abzuwarten, wie das Team diese Ansprüche im Spiel einlöst. Es ist wohl kaum eine leichte Aufgabe, in unterschiedlichen Spielern und Spielerinnen kontrolliert Emotionen auszulösen, die zu vergleichbaren Spielerfahrungen führen. Vor allem müsste es den Vieren gelingen, vielschichtige Stimmungen möglichst überraschend durch die Begegnungen zu inszenieren, ohne dass sich Monotonie einstellt.

Die in Hamburg zu beobachtende Demo jedenfalls unterstrich, dass mit ->Ad Infinitum auf keinen Fall ein Spiel entsteht, in dem der Protagonist wie im jüngst angekündigten ->Doom-Ableger Monsterhorden im Alleingang ausradieren würde. Eher vergleichbar dürfte das Erlebnis mit dem surrealen Abenteuer ->The Vanishing of Ethan Carter sein, eine Art Videospiel gewordenes ->Twin Peaks mit kaum vorhersehbaren Wendungen. Gewürzt wird diese Grundlage mit bedrohlich erschreckenden Facetten, die an ->Slender Man erinnern. Dort verfolgt ein gesichtsloser Mann die Spieler, was mit schlichtesten Mitteln für unsagbare Schockmomente sorgt. Zudem findet sich etwas von ->Valiant Hearts: The Great War darin wieder, einem zweidimensionalen Action-Adventure. Als erstes Videospiel inszenierte es 2014 den Ersten Weltkrieg emotional, nationsübergreifend, familiär und persönlich (siehe ->INNOVATION: Zersiebt, verlobt, verheiratet vom 6. Oktober 2014).

In den spielbaren Sequenzen zeigten sich athmosphärische Parallelen zu „The Vanishing of Ethan Carter“, fügt man eine Portion Horror mehr hinzu. (The Vanishing of Ethan Carter – Welcome to Red Creek Valley Trailer / Kanal GameSpot via Youtube)

Die Studierenden haben sich für dieses Projekt große Verantwortung aufgeladen, weil sie nicht nur auf technischer und spielmechanischer Ebene beeindrucken wollen. Bewundernswert ist zudem, dass Sie versuchen, einem Genre mithilfe historischer Finessen einen innovativen Stempel aufzu drücken. Die Ansätze stimmen, es bleibt aber eine spannende Frage, wie die Entwickler mit dem historischen Erbe umgehen werden. Mentalität, Atmosphäre und Emotionalität sind schließlich als geschichtliche Kategorien auch in der Fachwissenschaft heiß umfochten. Da sich die historische Wissenschaft immer noch viel zu wenig mit digitalen Welten auseinandersetzt, wäre ein intelligenter Entwurf durch ->Ad Infinitum möglicherweise auch ein Toröffner, um eine zeitgemäße Debatte über Chancen des Mediums für historische Inszenierungen anzustoßen. Es wäre schön, wenn die Entwickler neben den Monstern des Krieges dadurch auch die Monstrosität historischer Inszenierungen in Videospielen bezwingen könnten.

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