INNOVATION: Die leidige Verwandtschaft

„Crusader Kings 2“ inszeniert aufwändig Herrscherdynastien

Mittelalterlicher Herrscher zu sein, ist wirklich nicht leicht – schon gar nicht, wenn man einen trockenen Sandhaufen sein Eigen nennt, der mitten in der iberischen Estremadura liegt. Wenn die Mauren dann auch noch mit mehreren Reitern und Fußvolk auf den Hügelketten erscheinen, ist es sehr wahrscheinlich, dass dies kein Freundschaftsbesuch wird. Zwei Nachbarprovinzen werden zwar durch wahre Glanzstücke der Familie geleitet, unfähig und schwach sind sie keine wirkliche Hoffnung.

Flickenteppich Europa: Kleinasien verdeutlicht die komplexen Besitzverhältnisse, die geschickte Herrscher durch Heiratspolitik für sich nutzen.
Flickenteppich Europa: Kleinasien verdeutlicht die komplexen Besitzverhältnisse, die geschickte Herrscher durch Heiratspolitik für sich nutzen.

So ist der Verlust der eigenen Ländereien schon fast zwangsläufig, die eigene Herrschaftslinie steht vor dem Aus. Doch halt, gibt es nicht noch einen entfernten Verwandten in den Pyrenäen? Nicht nur, dass er nicht auszustehen ist, er verbündet sich auch noch am laufenden Band mit den Falschen. Außerdem hat er noch einige Truppen parat – doch die würde er nie zu Hilfe schicken.

Wo in anderen Strategiespielen in einer solchen Lage der Krieg und die Herrschaft verloren wären, bleiben im rundenbasierten ->Crusader Kings 2 der schwedischen Entwickler von ->Paradox Interactive immer noch Optionen. Technisch ist der Titel zwar bei Weitem nicht so imposant wie die Total War-Reihe mit den Mittelalter-Ablegern ->Medieval und ->Medieval 2 (@ gamestar.de) von ->Creative Assembly. Im Gegenteil versprüht er mit hölzernen Animationen und zahlreichen trockenen Listen oft den Charme von Excel.



Ein unsanft eingeleiteter Erbfall rettete schon so manchen Fürsten - hier der Launch-Trailer als Beispiel.

Und dennoch hat er spielmechanisch deutlich mehr unter der Haube. Das Spiel beeindruckt mit Unmengen an Informationen auf verschiedenen territorialen und dynastischen Detailleveln. Die Erweiterung um komplexe dynastische Linien ist dabei nicht allein eine strategische Offenbarung für das Genre. Sie reicht endlich einen Aspekt nach, der für eine möglichst weitgehende Simulation mittelalterlicher strategischer Verhältnisse bislang ein wesentliches Manko war…

Die Darstellung in den meisten Spielen dieses Genres in Form von mittelalterlichen Territorialstaaten in zusammenhängenden Blöcken aus Provinzen könnte kaum weniger mit dem zu tun haben, was Historiker über diese Zeit herausgefunden haben. Keineswegs konnte man scharfe Grenzen auf der Landkarte ziehen, eher glichen die Herrschaftsgebiete ineinander überlaufenden, verschränkten Einflussphären. Allerdings kann man dies für das europäische Mittelalter auch nicht für jede Region und jede Herrschaft über seine gesamte Dauer einheitlich so behaupten.


Keine klaren Grenzen: das Geflecht aus adligen Einflusszonen wurden durch die verwandtschaftliche Dimension zusätzlich verkompliziert.
Keine klaren Grenzen: das Geflecht aus adligen Einflusszonen wurde durch die verwandtschaftliche Dimension zusätzlich verkompliziert.

In der Tat aber spielten verwandtschaftliche Beziehungen ein grundlegende Rolle für diese Herrschaftszonen, und zwar auf verschiedenen hierarchischen Ebenen der Herrschaft vom Grafen bis zum Kaiser. Und so haben bisher Strategen das Mittelalter nur aus einer sehr beschränkten Perspektive bespielen können. Gewiss, strengen wissenschaftlichen Ansprüchen wird ein solches Spiel auch dadurch nicht gerecht, dass sich die liebe Verwandtschaft breit macht. Auf einem gewissen Abstraktionslevel lässt sich so aber doch nachvollziehen, welchen Einfluss die hintergründigen Beziehungen auf Kriege und herrschaftliche Strukturen gehabt haben mussten. Aus dieser Sicht muss auch jeder Historiker begrüssen, wenn ein Entwickler das Genre in diese Richtung fortentwickelt.



Selbsterklärend ist Crusaders King 2 nicht, vorgespielte Partien erleichtern aber den Einstieg.

So leicht also, wie oben beschrieben, lässt sich ein echter Dynast des Mittelalters daher nicht unterbuttern. Schnell wird ein Attentäter engagiert, um dem entfernten Verwandten das Licht auszublasen. Der Ferne ist immerhin nah genug, dass bei seinem Ableben entlang der dynastischen Erbfolge genug Vermögen und Truppen dem richtigen Besitzer zufallen. Wenn also schließlich die Verstärkung eintrifft, werden die Mauren wohl ihre Visite abkürzen, und die Dynastie ist gerettet. Vorerst, denn verwandtschaftliche Ränkespiele beherrschen andere mittelalterliche Herrscher durchaus auch.

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2 Gedanken zu „INNOVATION: Die leidige Verwandtschaft“

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