INNOVATION³: Mindcraft

Der geniale Sandbox-Titel „Minecraft“ lässt wahrhaftig „Bauklötze staunen“

Man muss sich die Fakten mal auf der Zunge zergehen lassen. Minecraft ist eigentlich kein richtiges Spiel und findet dennoch mittlerweile über sechs Million angemeldete Anhänger weltweit. Hinzu kommt, dass nur ein (1 !) Mann seit Mai 2009 diesen unendlichen Experimentierbaukasten programmiert. Und knapp zwei Millionen der Fans sind auch noch bereit für das unfertige Projekt im Betastadium bares Geld auf den Tisch zu legen. Dies untermauert: ->Minecraft ist ein Phänomen, das nur schwer zu erklären ist.

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Eine Welt aus Pixelklötzen, die der Spieler manipuliert

Umso einfacher ist es allerdings, das zugrunde liegende Spielprinzip zu verstehen, selbst wenn das Spiel selbst einem wenig bis gar nichts erklärt. Ziel ist die Erkundung, das Experimentieren mit der Umwelt, durch die man anfangs orientierungslos stolpert. Und wer zu lange durch die Gegend dümpelt, ohne sich einen Schutz für die Nacht zu schaffen, wird dann von der unangenehmen Erkenntnis eingeholt, dass die Welt nicht nur von knuffeligen Schäfchen bevölkert ist. Und so entsteht ein latenter Drang nach dem Experimentieren – zunächst ein langsamer Sog, dann aber beschleunigend wie eine Lawine…


Wir machen uns die Welt, wiedewiedewie sie uns gefällt - Minecraft gibt dem Spieler die absolute Kontrolle

Im Kern handelt Minecraft von Klötzen – und doch ist dies eigentlich die Untertreibung des Jahrtausends. Denn diese Klötze, deren Anblick anfänglich wegen fast schon strafbar grober Pixeligkeit zugegebenermaßen der Gewöhnung bedarf, erscheinen in verschiedenen Formen. Die Landschaft besteht aus ihnen, die Bäume, ja sogar die Tiere sind klotzig. Überwindet man die anfängliche Versuchung, Augenkrebs zu entwickeln, so setzt sich der eigentümliche Charme der Blockwelten im ästhetischen Empfinden des Spielers letztlich als angenehm fest.

All dies harrt der eigenen Schöpfungskraft - rechts im Bild: die eigene Hand
All dies harrt der eigenen Schöpfungskraft - rechts im Bild: die eigene Hand

Nun stellt man irgendwann fest, dass man die Pixelklötze abbauen kann, um sie an anderer Stelle in die Landschaft zurückzustellen. Dies hat zwei Folgen: Erstens gelangt man durch den Abbau von Blöcken in Tiefen, in denen der Spieler plötzlich vor einer Unterwelt aus Höhlensystemen steht, die ebenfalls der Erkundung harren. Zum Zweiten hilft das ausgehobene Material bei der Lösung des oben genannten Problems, dass es nachts ohne Wände und Decke ungemütlich wird. Gruselige Creeper streifen im Mondschein durch die Landschaft und bringen jedem Anfänger schnell bei, wie komfortabel vier Wände und eine feste Tür sind. Eilig ist eine erste Hütte in die Landschaft gestellt – doch das ist auf die Dauer natürlich ein bischen öde und nicht sehr vorzeigbar.

Auch das liebe Vieh bevölkert die kantige Welt
Auch das liebe Vieh bevölkert die kantige Welt

Also wächst der Drang, mehr als eine Hütte in die Landschaft zu stellen. Bei der Suche nach mehr Material wird man feststellen, dass es auch Felsen gibt, man könnte also ein Haus aus Stein herstellen. Aber Stein weigert sich standhaft, ins Inventar zu hüpfen. Offenbar muss Werkzeug her. Dafür allerdings benötigt der Spieler andere Rohstoffe als nur den Lehmboden. Durch Probieren erweitert der Spieler seinen Horizont. Er erfährt so, wie Bäume in Holzlatten verwandelt werden können, Eisenerz aus den Höhlen geschmolzen wird, Steine gemeißelt und sogar die Tierchen auf der Welt genutzt werden sowie  mit welchen Rohstoffen welche Werkzeuge zu erzeugen sind. Natürlich wird hier nicht verraten, wie dies genau funktioniert, darin besteht schließlich das Hauptvergnügen an dem großen bespielbaren Sandkasten. Wer dennoch Hilfe braucht, dem hilft die große Community und das umfangreiche ->MineCraftWiki.Wenn dies nicht der Inbegriff von konstruktivem Game-Based Learning ist, dann kann es ihn wohl auch nicht geben.

Es entstehen die erstaunlichsten Kompositionen verschiedenartiger Spielwelten, in denen der eine die Enterprise von Star Trek nachbaut, der nächste einen funktionierenden elektrischen Schaltkreis produziert, andere moderne Architektur entwerfen und wieder die nächsten mit den jüngst hinzugekommenen Klangsteinen ganze Musikstücke komponieren. Der Freiheit des Geistes sind anders als bei manchen Werbeversprechen kommerzieller Spielehersteller hier tatsächlich kaum Grenzen gesetzt, zumal es auch einen Multiplayermodus gibt, in dem Spieler zusammen gestalten können.

Eine ganze Welt in einem Spiel - in diesem Beispiel unsere Erde

Dennoch gibt es natürlich Grenzen, doch die erweitert der Schöpfer des Spieles Markus „Notch“ Persson stetig. Interessante Neuerungen verbreitet er über seinen Twitter-Account unter seinem Alias ->Notch. Der jüngste Patch 1.4 fügt zum Beispiel nun Wölfe hinzu, die durch die Landschaft toben, und die man für Jagd und den eigenen Schutz abrichten kann. Denn das Spiel befindet sich in stetiger Fortentwicklung. Wie Persson im Magazin GEE vom März 2011 in einem Interview beteuert, lässt er sich bei seinen Ideen einfach treiben. So kommt die kontinuierliche Erweiterung durch Patches seinem Arbeitsstil sehr entgegen. „Ich experimentiere unheimlich gerne. Meine Spiele wachsen. Minecraft ist so angelegt, dass ich jederzeit weitere Gameplay-Elemente, Grafik oder Musik hinzufügen kann.“ Es werde niemals eine Version des Spieles geben, die ihn vollständig zufrieden stellen könne: „Denn je länger ich an dem Spiel arbeite, umso mehr Features fallen mir ein, die ich noch hinzufügen möchte.“

Dabei gehört es auch zu der Wahrheit zu erwähnen, dass Minecraft nicht allein aus dem Gehirn von Persson entstammt. 2009 brachte ->Zach Barth ->Infiniminer heraus, dessen Grafik und Spielmechanik sehr ähnlich waren. Darin versuchen Spieler jedoch im Wettkampf die besten Bodenschätze zu sammeln, es handelte weniger vom Konstruieren. Allerdings schien der Aspekt des Bauens den meisten Spielern am Besten zu gefallen. Barth hatte nach wenigen Wochen schon die Fortentwicklung abgebrochen und den Code verlöffentlicht. Dies minimiert jedoch die Leistung von Persson keineswegs – und Gerüchten nach soll Barth ihm seinen Erfolg auch nicht verübeln. (Ohnehin hat dieser mit ->SpaceChem ein eigenes interessantes Indie-Game auf den Weg gebracht, das chemische Prozesse näher bringen soll. Dazu jedoch an anderer Stelle.)

Nun kehrt auch der beste Freund des Menschen ein in die Minecraft-Welten

Auch das Geschäftsprinzip von Persson ist bemerkenswert innovativ. Dem Einzelkämpfer sollen angeblich andere Entwickler und Publisher die Bude einrennen. Seine Vorträge auf Kongressen sollen voll besetzt sein. Während Persson das Spiel weiter programmiert, Features und Inhalte entfernt und hinzufügt, können Spieler bereits Geld dafür bezahlen und ermöglichen ihm das nötige Auskommen. Dass diese Unabhängigkeit im Geschäftsmodell ein Novum und Luxus gleichermaßen für Neulinge unter Spieleentwicklern ist, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben. Wie oft schon scheitern Ideen von Newcomern an der Forderung nach einem funktionsfähigen Prototypen schon lange bevor ein Publisher sich überhaupt zur Finanzierung bereit erklärt? Nun, zumindest Persson dürfte angesichts der Käuferzahlen bei 14,95€ je Download ein ganz nützliches Polster der Unabhängigkeit angehäuft haben.

Technisch aber ist das Programm auch eine erhebliche Neuerung, werden die Spielwelten doch prozedural erstellt (Procedural Content Generation Methods). Also sind sie nicht vorgefertigt, die Software entwirft jede Welt bei der Installation neu. Das bedeutet auch, dass jede dieser Welten einzigartig ist und niemand wissen kann, wo man auf Höhlen, besondere Rohstoffe oder besonders pittoresque Wohnorte treffen kann. Sicherlich besteht darin ein großer Teil des Reizes im Spiel. Wandert man von seinem Startort los, so erstellt das Spiel in einigem Abstand neue Landschaften, die dann jedoch dauerhaft bleiben. Anderenfalls könnte der Spieler ja so weit laufen, dass sein Ursprungsort und ggfs. seine Gebäude zerstört würden. daher wachsen auch die Speicherstände deutlich an, je weiter man sein Minecraft erkundet. Allerdings liegen in dem Zufallsgenerator auch einige Probleme verborgen – so kann man Pech haben und wichtige Rohstoffe lange Zeit nicht auffinden.

Dieses Spiel verdient dennoch nicht einfach nur ein Tag „Innovation“, es ist die dreifache Potenz der Innovation – INNOVATION³. In den Bereichen Spielerfreiheit, Geschäftsmodell mit Fortentwicklung und die prozedurale Generation der Welten schlägt Persson bisher ungekannte Pflöcke in die Welt der digitalen Spiele ein. Zudem scheut er sich nicht, diese Pflöcke auch wieder auszureißen und an anderer Stelle neu in den Boden zu versenken. Wenn KEIMLING einen Preis zu vergeben hätte, würde Minecraft diesen wohl für die letzten und die nächsten Jahre im Bereich der Innovation als Dauergabe erhalten – und das trotz der pixeligen Klotzgrafik. Es dürfte sich wohl – gewöhnungsbedürftige Optik zugestanden – um das wichtigste Spiel dieses Jahrzehnts handeln.

Persson hat im Interview mit der GEE auch eine Erklärung parat, worin das Phänomen der Anziehungskraft von Minecraft begründet ist.  „Ich denke es gibt den Spielern das Gefühl von Macht. Wenn sie wollen, können sie darin einen kompletten Berg abtragen oder eine Stadt erbauen. Mich persönlich fasziniert vor allem das Erforschen der zufällig generierten Welt, das Graben nach wertvollen Mineralien und verborgenen Höhlen.“ Also ist es doch ganz einfach erklärbar, warum ein Spiel mit klotziger Grafik eine solch große Spielergemeinde fesseln kann. Ist es das wirklich schon? Jeder mag seine eigene Erklärung zwischen den pixeligen Blöcken finden…

3 Gedanken zu „INNOVATION³: Mindcraft“

  1. Ich persönlich drücke mich immernoch davor, Minecraf zu spielen – irgendwie schreckt mich die Grafik doch ab. Auch wenn alle immer wieder darüber schreiben, wie geil das Spiel doch sein muss, achte ich als Frau mehr auf das Aussehen^^

  2. Bei Minecraft muss man wirklich eineinhalb Augen zudrücken. Aber hier geht es um die eigene Experimentiergabe – wer nicht gern ausprobiert, wird hier nicht unterhalten. Grafisch gewöhnen sich die Augen schon irgendwann an den „eigenen“ Stil. Und außerdem heißt es doch immer, ihr Frauen achtet mehr darauf, was unter der Haube wartet. Is wohl nich ganz so, was?

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