{"id":3464,"date":"2020-12-22T19:57:28","date_gmt":"2020-12-22T17:57:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/?p=3464"},"modified":"2020-12-22T19:57:28","modified_gmt":"2020-12-22T17:57:28","slug":"kommentar-ein-schritt-voran-muss-kein-fortschritt-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/?p=3464","title":{"rendered":"KOMMENTAR: Ein Schritt voran muss kein Fortschritt sein"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"headline_sub\">Einen Beitrag des Magazins &#8218;frontal_&#8216; zu radikalen Spielerkreisen rettet nicht einmal der m\u00e4chtigste Kulturwissenschaftler<\/h3>\n<p>Eigentlich, so sollte man meinen, schuf die letzte Dekade ein ernsthaftes Umfeld, in dem auch kritische Themen der <strong>Spielkultur<\/strong> journalistisch klug behandelt werden k\u00f6nnten. So zum Beispiel m\u00fcssten tats\u00e4chlich rechtspopulistische und -extremistische Einfl\u00fcsse auf Online-Communities dringend mal auf die Tagesordnung. Da geschieht einiges, was neben der Staatsanwaltschaft weder die historisch-politische Bildung, noch die Spielenden selbst hinnehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>frontal_, das betont junge Youtube-Format des <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/politik\/frontal-21\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">ZDF-Magazins Frontal 21<\/a> nahm sich dieses hochaktuellen Themas an. Fast eine Viertelstunde lang n\u00e4hert sich die Redaktion in einer Reportage den Aktivit\u00e4ten von <strong>Rechtsradikale<\/strong>n: Erl\u00e4utert werden deren Versuche, Einfluss in den Communities von Spielenden zu gewinnen. Sie zeigen beunruhigend ausgefeilte Aktivit\u00e4ten der Identit\u00e4ren, subversiv f\u00fcr ihre hasserf\u00fcllte Geisteshaltung zu rekrutieren. Der Bericht kn\u00fcpft an die Auseinandersetzungen beim sogenannten &#8222;GamerGate&#8220; von 2014 an und weist auf \u00dcberlappungen von rechtsextremen Kreisen mit Spielergemeinschaften hin.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Wie Rechte die Gaming-Kultur unterwandern I frontal\" width=\"474\" height=\"267\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/W6wpFKDhwE0?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p><em>Spielerinnen und Spieler reden viel zu h\u00e4ufig das Problem mit rechten Haltungen klein. In diesem Fall aber liegt das gravierendste Problem im Beitrag selbst. (Nazi Gamer? Wie Rechte die Gaming-Kultur unterwandern | frontal_ in Kanal: ZDFheute Nachrichten vom 19.11.2020)<\/em><\/p>\n<p>Daf\u00fcr suchte sich die Redaktion sogar fachlich geeignete Gespr\u00e4chspartner:innen &#8211; ungewohnt, aber erfreulich, wenn man mit der Vorgeschichte zu Frontal 21 und digitalen Spielen aus der &#8222;Killerspiel-Debatte&#8220; vertraut ist. Trotz der hervorragenden Auswahl von Gespr\u00e4chspartner:innen geht der Reportage aber zuerst jeder <strong>Kompass<\/strong> einer sauberen journalistischen Arbeitsweise verloren &#8211; und dann versinkt sie zusammen mit der Ernsthaftigkeit in einem betont poppigen Reportagestil. So sieht eine erfolgreiche Formatverj\u00fcngung schon einmal nicht aus.<\/p>\n<p>Wie selbstverst\u00e4ndlich r\u00e4umt die Redaktion den identit\u00e4ren Agitatoren selbst erhebliche Sendezeit ein. Die Zeit h\u00e4tte man besser verwenden k\u00f6nnen, und zwar nicht zuletzt, weil der Beitrag mit einer offenen Frage endet: M\u00fcssten sich nicht die <strong>Gaming-Communities<\/strong> selbst st\u00e4rker gegen rechtsextreme Aktivit\u00e4ten organisieren und wehren? Diese These \u00fcberrascht etwas, denn es existiert nicht nur bereits mit dem Zusammenschluss <a href=\"https:\/\/keinenpixeldenfaschisten.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">&#8222;Keinen Pixel den Faschisten&#8220;<\/a> eine solche deutschsprachige Community-Aktion. Es ist auch keineswegs so, dass sich die Redaktion dessen nicht bewusst gewesen w\u00e4re: Mitglieder eben dieser Community unterst\u00fctzten frontal_ bei der Recherche f\u00fcr diesen Beitrag.<\/p>\n<p>Den Dimensionen der wirklich existenten Probleme in der Spielkultur, die ich hier keineswegs kleinrede, leistet das ZDF damit zum wiederholten Male einen <strong>B\u00e4rendienst<\/strong>. Eine ganze Kaskade an Kommentaren unter dem bei Youtube eingestellten Beitrag belegt, wie unvorteilhaft der Beitrag in der Sache war. Ein \u00f6ffentlicher Bildungsauftrag muss nach meiner Ansicht anders aussehen&#8230;<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h3>Die Geister der vergangenen Dekade<\/h3>\n<p>Nur in einem kurzen Nebensatz deutet die Reportage im formatverj\u00fcngten Ableger die unheilige Vergangenheit des Reportagemagazins Frontal 21 gegen\u00fcber Videospielen an: Die Killerspieldebatte der 2000er-Jahre sei wohl \u00fcberzogen gewesen, hei\u00dft es dort. Keine Studie habe belegen k\u00f6nnen, dass digitale Spiele ma\u00dfgeblich verantwortlich w\u00e4ren, wenn jemand gewaltt\u00e4tig auftritt. Das ist zwar alles richtig, und gleichwohl eine verbl\u00fcffende <strong>Untertreibung<\/strong>. W\u00fcnschenswert w\u00e4re gewesen, dass frontal_ sich gegen\u00fcber dem damaligen Auftreten des Muttermagazins Frontal 21 selbstkritischer und dem\u00fctiger gibt. Eine solches Eingest\u00e4ndnis h\u00e4tte insgesamt dem Beitrag gut getan, weil sich viele Spielenden noch lebhaft an die bewussten Verzerrungen &#8211; wenn nicht gar Verleumdungen &#8211; der damaligen Zeit erinnern. Dem ernsthaften Anliegen, auf die rechtsextremen Aktivit\u00e4ten in Spiele-Communities hinzuweisen, kann sich das Magazin nicht ungest\u00f6rt widmen, wenn es sich nicht eindeutig von dieser Tradition absetzt.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Frontal21 - Killerspiele\" width=\"474\" height=\"356\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/KPHTW1bciao?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p><em>Der Erfurter Amokl\u00e4ufer habe das Zielen am Computer ge\u00fcbt. Doom 3 oder Max Payne 2 w\u00fcrden nicht als jugendgef\u00e4hrdend gelten. Gar einen Massenmord als Kindersport sah Reporter Rainer Fromm im Beitrag von 2004. Die Jugendsch\u00fctzer seien deshalb selbstzufrieden, und der Jugendschutz habe sich verschlechtert. Nichts davon entsprach der Realit\u00e4t. Deutlich wird im Bericht auch, wie sich politische Entscheider direkt auf die voreingenommene Berichterstattung von Frontal 21 beriefen. (<a href=\"https:\/\/youtu.be\/KPHTW1bciao\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Frontal 21 &#8211; Killerspiele<\/a>, in: Kanal spikedscorpion via Youtube vom 3.2.2008)<\/em><\/p>\n<p>Denn durchaus bemerkenswert ist, wie sehr sich die Berichterstattung \u00fcber digitale Spiele in der letzten Dekade gewandelt hat. Vor f\u00fcnfzehn Jahren noch verschaffte das leitende Motiv in Print und Fernsehen einer diffusen, aber weitumfassenden <strong>Ver\u00e4ngstigung<\/strong> ein Ventil: Jugendliche, ja Kinder gar, w\u00fcrden durch digitale Spiele enthemmt, \u00fcbergewichtig, dumm und antriebslos. Also, die Emp\u00f6rung folgte ganz demselben Muster wie einst andere Generationen \u00fcber die aufkommende Rock-Musik urteilten, und sp\u00e4ter beispielsweise \u00fcber Metal-Musik. Selbsterkorene Expert:innen warnten in den spitzesten T\u00f6nen in ihrer jeweiligen Zeit vor der Erfindung des Farbfernsehens, dem Konsum von VHS-Videos, ja sogar vor dem Einsatz von Radioger\u00e4ten im Wohnzimmer. Letztere w\u00fcrden Kinder unruhig und aggressiv machen. Der Schritt zum Farbfernsehen w\u00fcrde Menschen \u00fcberhaupt nicht mehr erm\u00f6glichen, die gesehenen Bilder von der Realit\u00e4t zu unterscheiden. Na, gewiss doch. Gl\u00fccklicherweise schreiben und senden mittlerweile Journalist:innen \u00fcber die Vorteile des Spielens in der Bildung, berichten \u00fcber weltweite Wettk\u00e4mpfe in eSport-Ligen und\u00a0 behandeln einzelne Titel feulletonistisch als Kulturgegenst\u00e4nde.<\/p>\n<h3>Das Sturmgesch\u00fctz der Unredlichkeit<\/h3>\n<p>Frontal 21 entschied sich also f\u00fcr den kulturpessimistisch Ansatz, Panik zu sch\u00fcren. Und den vertrat es mit brachialem Einsatz und Durchhalteverm\u00f6gen. Immer wenn gest\u00f6rte Teenager wie in Erfurt, Emsdetten und Winnenden 2002, 2006 und 2009 grauenerregende <strong>Blutb\u00e4der<\/strong> anrichteten, erkor sich das Magazin zum lautstarken Mahner gegen das vermeintlich jugendverderbende Medium. Erwartbar war sicherlich das marktschreierische Presseecho des Springer-Konzerns. Bemerkenswert rege aber beteiligte sich ZDF Frontal daran. Im alarmistisch aufgeladenen Klima \u00fcberschrien die rei\u00dferischen Behauptungen viel zu h\u00e4ufig, dass sich sp\u00e4ter viele von ihnen als falsch herausstellten. Die T\u00e4ter nutzten zum Beispiel gar nicht die behaupteten Videospiele, oder legten \u00fcberhaupt kein exzessives Spielverhalten an den Tag. Bevor diese Widerspr\u00fcche in den Zeitungen ankamen, war bereits die politische Nebelkerze &#8222;Killerspiel&#8220; gez\u00fcndet.<\/p>\n<figure id=\"attachment_3490\" aria-describedby=\"caption-attachment-3490\" style=\"width: 1094px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Stigma-Videospiele_Dittmayer.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3490 size-full\" src=\"https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Stigma-Videospiele_Dittmayer.png\" alt=\"\" width=\"1094\" height=\"725\" srcset=\"https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Stigma-Videospiele_Dittmayer.png 1094w, https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Stigma-Videospiele_Dittmayer-300x199.png 300w, https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Stigma-Videospiele_Dittmayer-768x509.png 768w, https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Stigma-Videospiele_Dittmayer-1024x679.png 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 1094px) 100vw, 1094px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3490\" class=\"wp-caption-text\">MIt einem bemerkenswerten pers\u00f6nlichen Engagement ordnete und analysierte Matthias Dittmayer auf stigma-videospiele.de von 2007 an Quellen zur &#8222;Killerspiele&#8220;-Debatte und ver\u00f6ffentlichte 2014 dazu einen 300 Seiten umfassenden Reader.(Abb. Screenshot Webseite)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Einen hervorragenden \u00dcberblick zu dieser Debatte bietet das Dossier dazu von <a href=\"http:\/\/www.stigma-videospiele.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Matthias Dittmayer: Stigma Videospiele<\/a> (2014). Dittmayer investierte viel Zeit in die Dokumentation und einordnende Stellungnahmen. Andreas Garbe ist seit 1999 im weiteren Sinne f\u00fcr das Fernsehen, seit 2007 spezifisch f\u00fcr das ZDF als Videospiele-Experte t\u00e4tig. Seine R\u00fcckschau im Handbuch Gameskultur (S. 193-97) geht dreizehn Jahre sp\u00e4ter nicht nur mit dem &#8222;politischen Kampfbegriff&#8220; hart ins Gericht, sondern auch mit der engen <strong>Verquickung<\/strong> aus Falschdarstellungen in der Politik, schlecht gepr\u00fcfter Berichterstattung und fadenscheinigen Studien. (Das &#8222;Handbuch Gameskultur&#8220; ist <a href=\"https:\/\/www.kulturrat.de\/publikationen\/handbuch-gameskultur\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">kostenlos im Download als PDF<\/a> erh\u00e4ltlich.) Andererseits verweist Garbe zurecht auf eine gewisse Mitschuld einer Reihe von Videospielen. Deren Entwickler:innen h\u00e4tten bewusst mit dem Gewaltgrad kokettiert und provoziert, um aufzufallen. F\u00fcr Au\u00dfenstehende mag also schwer nachvollziehbar sein, dass Titel, die in einem solchen Ma\u00dfe Gewalt zeigen, nicht zu Gewalt in der Wirklichkeit anstiften.<\/p>\n<figure id=\"attachment_3492\" aria-describedby=\"caption-attachment-3492\" style=\"width: 225px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/HandbuchGameskultur_Cover_400px.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3492 size-medium\" src=\"https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/HandbuchGameskultur_Cover_400px-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/HandbuchGameskultur_Cover_400px-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/HandbuchGameskultur_Cover_400px.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3492\" class=\"wp-caption-text\">2020 sammelte das &#8222;Handbuch Gameskultur&#8220; zahlreiche Stimmen von Expert:innen zu einer zeitgem\u00e4\u00dfen Standortbestimmung. (Abb. Cover Kulturrat)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Wissenschaftliche Studien allerdings haben in bald zwei Dekaden Wirkungsforschung keine Belege f\u00fcr individuelle Gewalteskalation liefern k\u00f6nnen. Wie Eugen Pfister 2016 in einer treffenden <strong>Analyse<\/strong> der Debatte forderte, sollten deshalb digitale Spiele viel mehr als historische Quelle f\u00fcr die Gesellschaften ihrer Zeit betrachtet werden &#8211; und zwar nicht reduziert auf gewalthaltige Titel. Sie seien Ausdruck gesellschaftlicher Bed\u00fcrfnisse und in ihrer Wirkung auf gesellschaftliche Diskurse. (<a href=\"https:\/\/spielkult.hypotheses.org\/1114\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Pfister, Eugen: &#8222;Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine argumentenbasierte Debatte zur Wirkung gewalthaltiger Spiele&#8220;<\/a>, in: Spiel-Kultur-Wissenschaft 5.9.2016). F\u00fcr eine dreiteilige Dokumentation der Killerspiel-Geschichte verfolgte der erfahrene Games-Journalist Christian Schiffer 2016 eher einen chronologischen und anekdotischen Ansatz (siehe <a href=\"https:\/\/presseportal.zdf.de\/pm\/killerspiele-der-streit-beginnt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">ZDF-Pressemappe<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/dokumentation\/zdfinfo-doku\/killerspiele-interview-mit-filmautor-christian-schiffer-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">&#8222;Die Spiele sind brutaler geworden&#8220;. Interview mit Filmautor Christian Schiffer<\/a>, in: zdf.de 3.5.2016). Um eine ad\u00e4quate Aufarbeitung zu betreiben, zeigte er mir zu viel was wann geschah und wer wann was gesagt hat &#8211; viel zu wenig jedoch, welche Motivationen dahinter auf den Seiten standen: in Politik, Journalismus, Kulturbereich und der Games-Branche. So hinterfragt die Dokumentation selbst den Kernbegriff &#8222;Killerspiel&#8220; nicht ausreichend als Propaganda, sondern verwendet ihn wie eine Sachbezeichnung. Eine Aufarbeitung m\u00fcsste da schon mehr wagen.<\/p>\n<h3>Erzkonservativer Aktivismus<\/h3>\n<p>Denn ohne Zweifel besa\u00df das Sperrfeuer gegen &#8222;Killerspiele&#8220; eine bewusste politische Komponente: Kurz zusammengefasst, entdeckten Erz-konservative Politiker:innen, Wissenschaftler:innen und bewahrungsorientierte P\u00e4dagog:innen das junge Medium als ein <strong>Instrument<\/strong> f\u00fcr die Mobilisierung. Ihren Auftrag sahen sie prim\u00e4r in einer Abwehr von Gefahren f\u00fcr die kindliche bzw. jugendliche Seele. Der nieders\u00e4chsische Innenminister Uwe Sch\u00fcnemann (CDU) forderte nach den Frontal 21-Berichten 2006 einen harten Kurs gegen Spiele. In Bayern verlangte Innenminister Joachim Herrmann 2009 wortgewaltig, diese &#8222;T\u00f6tungstrainingssoftware&#8220; zu verbieten, und stellte sie obendrein mit Kinderpornografie und Drogenmissbrauch gleich. Schon sein Vorg\u00e4nger im Amt, G\u00fcnther Beckstein, hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass sich &#8222;eine blutige Spur&#8220; aus Gewalt durch das Land ziehe. Computerspiele h\u00e4tten diese ausgel\u00f6st. Diese Akteure \u00fcbergaben sich die Mikrofone zweitweilig f\u00fcr Interviews wie einen Staffelstab.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Nach Amoklauf in Winnenden; Diskussion \u00fcber &quot;Killerspiele&quot; bei Hart aber Fair [1\/2]\" width=\"474\" height=\"356\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/rQrmvlew7bY?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p><em>Die Diskussionen &#8211; wie hier im Talk-Format &#8222;hart, aber fair&#8220; &#8211; strotzten vor fachlich nicht korrekten Behauptungen und rei\u00dferischen Anmoderationen, so dass moderatere Stimmen kaum mit der Aufkl\u00e4rung hinterher kamen. (Video: <a href=\"https:\/\/youtu.be\/rQrmvlew7bY\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Nach Amoklauf in Winnenden; Diskussionen \u00fcber &#8222;Killerspiele&#8220; bei Hart aber Fair [1\/2]<\/a>, in: Kanal Diavidi via Youtube 12.3.2009)<\/em><\/p>\n<p>Geformt wurde ihnen das Staffeleisen nicht zuletzt von dem Leiter des <a href=\"https:\/\/kfn.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN)<\/a>, <a href=\"https:\/\/kfn.de\/kfn\/institut\/ehemalige-direktoren\/prof-dr-christian-pfeiffer\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Prof. Christian Pfeiffer<\/a>. Der Hannoveraner Professor f\u00fcr Kriminologie und Jugendstrafrecht fiel unabh\u00e4ngig von Videospielen in seiner juristischen und politischen Arbeit h\u00e4ufig durch vorschnelle Schl\u00fcsse auf. So zog er Verbindungen zwischen Erziehung und rechtem Radikalismus, obwohl sich eine <strong>Kausalit\u00e4t<\/strong> nicht nachweisen lie\u00df. Diese Arbeitsweise f\u00fchrte sogar zu falschen Rechtsgutachten. Enorm prominent trat er auch in der &#8222;Killerspiel&#8220;-Debatte als wissenschaftlicher Sachverst\u00e4ndiger mit Behauptungen auf, die seine Studien aufgrund methodischer Schw\u00e4chen schlicht nicht belegten. Ohne den gesamten unhaltbaren Komplex an dieser Stelle wiederzuk\u00e4uen: Er behauptete stetig, digitale Spiele seien deshalb eine Gefahr, weil sie bei \u00fcberm\u00e4\u00dfiger Nutzung zum Verfall von Schulleistungen und sozialer Verwahrlosung f\u00fchren w\u00fcrden. Um eine solche spezifische Wirkung von Spielen zu belegen, h\u00e4tte er dem aber andere exzessiv betriebene Hobbies gegen\u00fcber stellen m\u00fcssen. W\u00fcrde beispielsweise jemand im gleichen Ma\u00dfe exzessiv Fussball spielen, d\u00fcrfte er vergleichbar bei den schulischen Leistungen nachlassen. Leistungsabfall und sozialer R\u00fcckzug k\u00f6nnten ja schlicht daran liegen, dass beide Aktivit\u00e4ten \u00fcber Stunden vom Lernen und Freunden fernhalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dennoch war er mit starken pointierten Positionen gern gesehener Talkshow-Gast und Interviewpartner, selbst wenn er h\u00e4ufig v\u00f6llige Unkenntnis von der Materie offenbarte. Legend\u00e4r zum Beispiel ist sein Auftritt bei dem Magazin &#8222;hart, aber fair&#8220; 2006. Dort erkl\u00e4rte er ausgiebig \u00fcber das fantastische Online-Rollenspiel &#8222;<a href=\"https:\/\/worldofwarcraft.com\/de-de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">World of Warcraft<\/a>&#8222;, Spielende w\u00fcrden dort in einer Art Kriegsszenario milit\u00e4rische Rollen wie Sanit\u00e4ter oder Angriffssoldat ein\u00fcben. Letztlich machte ihn als SPD-Politiker und ehemaligem nieders\u00e4chsischen Justizminister f\u00fcr die Medien wohl attraktiv, dass er qua Beruf und Amt <strong>Glaubw\u00fcrdigkeit<\/strong> mitbrachte. Trotz all der offensichtlichen Wissensl\u00fccken und der h\u00e4ufig kritisierten methodischen Schw\u00e4chen seiner Studien fand er als Experte immer wieder Geh\u00f6r. Seine Auftritte machten ihn zu einer wichtigen Figur im erzkonservativen Aktivismus. Viele Menschen in der Games-Industrie, unter Youtuber:innen, unter Ausbilder:innen, in der Forschung zu digitalen Spielen und nicht zuletzt eine gesellschaftlich breite Spielerschaft haben diese Vergangenheit nicht vergessen. Das dokumentiert im \u00dcbrigen auch sehr gut der oben erw\u00e4hnte &#8222;Killerspiele&#8220;-Dreiteiler von Christian Schiffer.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"So bereitet ihr einen Raid vor | World of Warcraft mit Mandy &amp; Martin\" width=\"474\" height=\"267\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/f6_p4QL5cCM?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p><em>Sicherlich bereiten sich Spielende vor einem Schlachtzug in ihren verschiedenen Rollen darauf vor, verl\u00e4sslich und koordiniert zu handeln, damit ihr Team gegen vielf\u00e4ltige Herausforderungen besteht. Wie das einf\u00fchrende Tutorial der bei RocketBeansTV zeigt, \u00e4hnelt das Gameplay in der fantastischen Spielwelt jedoch kaum einer milit\u00e4rischen Kampfsimulation. (<a href=\"https:\/\/youtu.be\/f6_p4QL5cCM\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">So bereitet ihr einen Raid vor | World of Warcraft mit Mandy &amp; Martin<\/a>, in: Kanal Rocket Beans Let&#8217;s Play &amp; Streams via Youtube vom 15.12.2020)<\/em><\/p>\n<h3>Proto-&#8222;L\u00fcgenpresse&#8220;<\/h3>\n<p>Es ist schon sehr bemerkenswert, was zeitgleich sehr viel weniger Geh\u00f6r fand: Den <a href=\"https:\/\/www.hans-bredow-institut.de\/de\/search?q=computerspiele\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">differenzierteren Aussagen des Hamburger Hans-Bredow-Instituts<\/a> zu den <a href=\"https:\/\/www.hans-bredow-institut.de\/uploads\/media\/Publikationen\/cms\/media\/56e64f1554ba0459e532b3f2af38bf74fb7682f4.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">d\u00fcnnen Befunden der Wirkungsforschung (Kunczik 2007)<\/a> \u00fcber digitale Spielen erhielten kaum Sendezeit. Alle oben genannten Faktoren deuten darauf hin, dass in der Killerspiel-Debatte bewusst digitale Spiele instrumentalisiert wurden, um eine konservative <strong>Agenda<\/strong> zu unterf\u00fcttern. Das konservative Weltbild wusste keinen Rat auf die Gewaltausbr\u00fcche an Schulen. So k\u00f6nnten ja Ver\u00e4nderungen in der Schulpolitik und den Schulen selbst Gr\u00fcnde daf\u00fcr sein: der wachsene Leistungsdruck, das unabl\u00e4ssige Gerede von Chancenlosigkeit ohne ein bestandenes Abitur vielleicht, der erhebliche Stress, erzeugt durch PISA-Studien bei Lehrenden und Sch\u00fcler:innen sowie die dauerfeuernde Bildungskritik der Bertelsmann-Stiftung in den damaligen Jahren. Oder waren es gar viel zu gro\u00dfe Klassen mit un\u00fcberschaubarer Mobbing-Dynamik? Die Liste denkbarer Ursachen innerhalb des Lebensmittelpunktes &#8222;Schule&#8220; f\u00fcr diese pubert\u00e4re Altersgruppe ist lang. Videospiele stehen da meiner Ansicht nach nicht gerade weit oben. Ad\u00e4quate L\u00f6sungen f\u00fcr die oben genannten Probleme fallen nat\u00fcrlich schwieriger aus als schlichte Verbote. So muss man beispielsweise fl\u00e4chendeckend schulpsychologisches und sozialp\u00e4dagogisches Personal anstellen und ausbilden. Nat\u00fcrlich ist das weitaus kostenintensiver als schlichte Verbote irgendwelcher Medienformen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_3495\" aria-describedby=\"caption-attachment-3495\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/HansBredowInstitut_Leibniz_HH_Webseite.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-3495\" src=\"https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/HansBredowInstitut_Leibniz_HH_Webseite.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"791\" srcset=\"https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/HansBredowInstitut_Leibniz_HH_Webseite.jpg 1024w, https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/HansBredowInstitut_Leibniz_HH_Webseite-300x232.jpg 300w, https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/HansBredowInstitut_Leibniz_HH_Webseite-768x593.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3495\" class=\"wp-caption-text\">Mittlerweile ein Leibniz-Institut f\u00fcr Medienforschung stellte das Hans-Bredow-Institut ein Urteil an das Ende der Analyse, fand aber mit differenzierten Ergebnissen weniger Geh\u00f6rt im aufgeheizten Diskursklime. (Abb. Leibniz Institut Hans Bredow Screenshot Webseite)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Damit &#8211; und darum geht bei dieser langen historischen Vorgeschichte ja eigentlich &#8211; verloren auch die beteiligten Journalist:innen und ihre Magazine erhebliches <strong>Vertrauen<\/strong> in der Spielerschaft, bei Entwickler:innen und Ausbilder:innen. Die leicht behebbaren, und dennoch st\u00e4ndig wiederholten Fehler zeugten offenkundig von schlechter Recherche und handwerklichen Defiziten. Als kindliche Freizeitbesch\u00e4ftigung v\u00f6llig missverstanden, stie\u00dfen die Medienvertreter:innen deshalb einer erheblich gr\u00f6\u00dferen Gruppe vor den Kopf als &#8222;nur&#8220; Kinder: Digitale Spiele waren bereits in der Gesellschaft weit verbreitet, auch bei Erwachsenen. Die Beharrlichkeit, mit der an den fehlerhaften Berichten festgehalten wurde, deutete f\u00fcr viele auf bewusste inhaltliche Vorgaben aus den Chefredaktionen. Anders lie\u00dfen sie sich im Grunde nicht erkl\u00e4ren, schaut man etwa auf die erw\u00e4hnte solide Dokumentation von Dittmayer zum Stigma Videospiele zur\u00fcck. Die Fakten lagen ja auf dem Tisch. So verbreitete diese verquere Berichterstattung misstrauische bis ablehnende Haltungen gegen\u00fcber dem traditionellen Journalismus an sich in diesen Kreisen.<\/p>\n<p>Frontal 21 als das Sturmgesch\u00fctz konservativer Medienphobien hinterlie\u00df also erheblich gr\u00f6\u00dfere Einschl\u00e4ge, als es auf den ersten Blick scheinen mag.\u00a0 Dieser Umgang f\u00fchrte zu einer verbreiteten <strong>Ablehnung<\/strong>, \u00fcberhaupt noch mit Pressevertreter:innen und Politiker:innen \u00fcber Gaming-Themen zu sprechen. Ich selbst kenne so einige in der Ausbildung zu digitalen Spielen, die sich gegen\u00fcber Reporter:innen nicht mehr zu kritischen Themen \u00e4u\u00dfern. Sie f\u00fcrchteten Zusammenschnitte, die den Sinn ihrer \u00c4u\u00dferungen enstellen. Diese Haltung geben sie auch an ihre Studierenden und Auszubildenden weiter.<\/p>\n<p>Der Beitrag von frontal_ hebt selbst ein paar Mal hervor, dass einige der angefragten Gespr\u00e4chspartner:innen zun\u00e4chst nicht mit der Redaktion sprechen wollten. Sie taten es dann aber doch, und einige davon bereuen diesen <strong>Vertrauensvorschuss<\/strong> nach der Ausstrahlung dieses Berichts: Die Streamerin Sissor etwa nahm in einem eigenen Video detailliert dazu Stellung, wo sie ihre eigenen Interviewaussagen missinterpretiert sieht.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Mein Statement zum ZDF Frontal Beitrag\" width=\"474\" height=\"267\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/RKBeC-3HgYE?start=531&#038;feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p><em>Streamerin Sissor, die der Beitrag mehrfach zu Communities heranzieht, sieht sich durch erhebliche Eingriffe im Schnitt missverst\u00e4ndlich dargestellt (Mein Statement zum ZDF Frontal Beitrag, in: Kanal Sissor via Youtube 26.11.2020)<\/em><\/p>\n<p>Das ZDF hat dem seither zaghaft ge\u00f6ffneten Diskursklima einen herben D\u00e4mpfer verpasst. Gerade mir als Historiker st\u00f6\u00dft das \u00fcbel auf, bem\u00fchen wir uns doch im <a href=\"https:\/\/gespielt.hypotheses.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Arbeitskreis Geschichtswissenschaft und Digitale Spiele (AKGWDS)<\/a> seit Jahren um engere <strong>Dialoge<\/strong> zwischen Entwickler:innen, der Politik, Schule, Journalist:innen und Geschichtswissenschaft auch \u00fcber schwierige Themen wie die Nazi-Herrschaft. Und auch da haben Historikerinnen und Historiker sich einst mit fachlicher Unkenntnis und \u00fcberzogenen \u00c4u\u00dferungen nicht gerade als Gespr\u00e4chspartner:innen empfohlen. Diesen Widerstand sp\u00fcren wir auch heute noch. Also, ZDF, dieser Beitrag war weder dem Klima n\u00fctzlich, noch in der Sache hilfreich! In Zukunft wird es wohl noch erheblich schwieriger werden, Gespr\u00e4chspartner:innen f\u00fcr redaktionelle Anfragen zu finden.<\/p>\n<h3>Fachlich hinzu-, aber nicht ausgelernt<\/h3>\n<p>Dass es einem Beitrag gelingt, so sehr daneben zu greifen, wird zu einem besonderen R\u00e4tsel angesichts der herangezogenen Expert:innen. Denn im <strong>Gegensatz<\/strong> zum geschilderten Personaltableau in fr\u00fcheren Berichten des Mutterformats befragte die Redaktion f\u00fcr frontal_ eigentlich Gespr\u00e4chspartner:innen, die fachlich hervorragend geeignet sind. Selbst deren fachliche Kenntnis und ihre medientauglich eloquente Art, diese Kenntnisse r\u00fcberzubringen, verm\u00f6gen allerdings nicht die bedenkliche Gesamtinszenierung zu aufzubrechen.<\/p>\n<p>Scherzhaft bezeichnet er sich in Anlehnung an das Kult-Spiel Monkey Island als\u00a0 &#8222;m\u00e4chtiger&#8220; Kulturwissenschaftler, in der Tat aber ist <a href=\"https:\/\/christianhuberts.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Christian Huberts<\/a> einer der fachlich besten Kollegen in den Game Studies, die ich kenne. Seine im Beitrag ge\u00e4u\u00dferten Thesen wurzeln in belastbaren methodischen Grundlagen und sauberer wissenschaftlicher Arbeit \u00fcber Jahre zu den unterschiedlichsten Ph\u00e4nomenen der <strong>Gameskultur<\/strong>. Zwischen Journalismus und Wissenschaft sowie als Projektberater bei der <a href=\"https:\/\/www.stiftung-digitale-spielekultur.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Stiftung Digitale Spielkultu<\/a>r blickt er auf einige Beitr\u00e4ge zum Thema Radikalismus zur\u00fcck (etwa <a href=\"https:\/\/www.derstandard.de\/story\/2000082229261\/die-games-plattform-steam-hat-ein-grosses-problem-neonazis\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Huberts, Christian: &#8222;Mein Dampf: Die rechtsextreme Parallelwelt auf der Games-Plattform Steam&#8220;<\/a>, in: <em>derstandard.de<\/em> 26.6.2018).<\/p>\n<figure id=\"attachment_3496\" aria-describedby=\"caption-attachment-3496\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/DigitaleSpielekultur_EVZ_PitchJam_Screenshot.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-3496\" src=\"https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/DigitaleSpielekultur_EVZ_PitchJam_Screenshot.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"826\" srcset=\"https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/DigitaleSpielekultur_EVZ_PitchJam_Screenshot.jpg 1024w, https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/DigitaleSpielekultur_EVZ_PitchJam_Screenshot-300x242.jpg 300w, https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/DigitaleSpielekultur_EVZ_PitchJam_Screenshot-768x620.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3496\" class=\"wp-caption-text\">Es passiert so Einiges, was der Bericht von frontal_ h\u00e4tte erw\u00e4hnen k\u00f6nnen. Ma\u00dfgeblich koordinierte Huberts f\u00fcr die Stiftung Digitale Spielekultur einen Pitch Jam f\u00fcr innovative Spielkonzepte zu Holocaust und der NS-Herrschaft, gef\u00f6rdert in der Programmschiene \u201edigital\/\/memory\u201c der Stiftung \u201eErinnerung, Verantwortung und Zukunft\u201c (EVZ). (Abb. eigener Screenshot Webseite Stiftung Digitale Spielekultur)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Hinzugezogen wird ferner im Laufe des Videobeitrags die international bewanderte Extremismusforscherin <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Julia_Ebner\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Julia Ebner<\/a>. Sie analysiert seit Langem die <strong>Strategien<\/strong> von Radikalen, sich neue Technologien findig zu nutze zu machen (etwa im Team des <a href=\"https:\/\/www.isdglobal.org\/isdapproach\/the-team\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Institute for Strategic Dialiogue<\/a>). Ob nun zum rechten Spektrum oder einem religi\u00f6sen Fanatismus verfasste sie einige B\u00fccher und stie\u00df daf\u00fcr sogar undercover in die Communities vor (<a href=\"https:\/\/www.suhrkamp.de\/buecher\/radikalisierungsmaschinen-julia_ebner_47007.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Ebner, Julia: &#8222;Radikalisierungsmaschinen. Wie Extremisten die neuen Technologien nutzen und uns manipulieren&#8220;, 2019<\/a> (Suhrkamp)).<\/p>\n<figure id=\"attachment_3497\" aria-describedby=\"caption-attachment-3497\" style=\"width: 187px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Ebner_Radikalisierungsmaschinen_2020.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3497 size-medium\" src=\"https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Ebner_Radikalisierungsmaschinen_2020-187x300.jpg\" alt=\"\" width=\"187\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Ebner_Radikalisierungsmaschinen_2020-187x300.jpg 187w, https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Ebner_Radikalisierungsmaschinen_2020.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 187px) 100vw, 187px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3497\" class=\"wp-caption-text\">Wie Radikale vielerlei Couleur digitale Technologien gegen die freien Gesellschaften einsetzen, zeigte Ebner f\u00fcr ihr Buch, indem sie undercover in mehrere radikale Communities eindrang. (Abb. Cover Suhrkamp)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Redaktion l\u00e4sst die Expertin und den Experten lediglich mit wenig komplexen One-Linern zur <strong>Sprache<\/strong> kommen. Dennoch machen selbst diese kurzen Statements sehr verst\u00e4ndlich, dass das geschilderte Problem nicht nur existiert, sondern gesellschaftlich beunruhigen muss. Au\u00dferdem zeigen diese radikalen Kreise unter Spielenden immer wieder ein lautstarkes, sehr abf\u00e4lliges Verhalten gegen\u00fcber Frauen. Mit der <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/channel\/UC6PVxYEk6bqzX7HhNAUClMQ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Streamerin Sissor<\/a> gelingt ein Einblick in Teile dieser Community, auch wenn sie sich bei wesentlichen Bestandteilen falsch zitiert sieht. Im Kern bleibt auch hier eine erfahrene Streamerin, die \u00fcber Dynamiken in Communities spricht, auf die man immer und\u00a0 immer wieder trifft &#8211;\u00a0 ob nun die Plattformen genug dagegen unternehmen oder nicht.<\/p>\n<h3>Treffen sich Youtube und ZDF &#8211; beide tot<\/h3>\n<p>Doch selbst mit den besten Zutaten gelingt einem st\u00fcmperhaften Koch eben kein Gourmet-Dinner. Im <strong>Stakkato<\/strong> des redaktionellen Stils lassen sich die Probleme tats\u00e4chlich nur oberfl\u00e4chlich ankratzen. Verantwortlich f\u00fcr das Scheitern ist zudem der betont l\u00e4ssige Umgang mit den Expert:innen, durch den der Beitrag wohl ein besonders peppiges Zielpublikum erreichen soll.<\/p>\n<p>Man ahnt schon, dass etwas schief l\u00e4uft, wenn Huberts nicht als Kulturwissenschaftler, sondern &#8222;Gaming-Experte&#8220; eingef\u00fchrt wird. Er wird also nicht mit seiner fachlichen Qualifikation vorgestellt, sondern mit der betont frechen Frage konfrontiert, ob er ein Nerd sei. Nein, wie originell. Er kontert klug, er sei eher ein Geek, was eine Person beschreibe, die sich f\u00fcr das Feld leidenschaftlich interessiere, durchaus aber noch andere Leidenschaften habe. Wie genau dieser Exkurs zu dem eigentlichen Thema beitr\u00e4gt, bleibt v\u00f6llig offen. Soll dadurch seine <strong>Glaubw\u00fcrdigkeit<\/strong> erh\u00f6ht oder untergraben werden? Die knappe Zeit des Viertelst\u00fcnders h\u00e4tte man sinnvoller nutzen k\u00f6nnen. Auch Ebner h\u00e4tte sicherlich sehr viel Interessantes \u00fcber ihre One-Liner hinaus zu dem Video beisteuern k\u00f6nnen. Da hat man schon Forschende von Weltrang zur Verf\u00fcgung und nutzt sie so wenig.\u00a0 Sprachlos hinterl\u00e4sst die flapsige, schnoddrige Gesamtinszenierung dann zus\u00e4tzlich durch die Form, mit der die bedrohliche GamerGate-Bewegung von 2014 als eine Ursuppe f\u00fcr radikalisierte Spielergemeinschaften inszeniert wird. Man traut kaum seinen Ohren, als es hei\u00dft: &#8222;Wir haben das mal f\u00fcr euch in GTA nachgebaut.&#8220; (5:49 min)<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Grand Theft Auto V: Offizielles Gameplay-Video\" width=\"474\" height=\"267\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/nLZGoXO3NAs?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p><em> In einer offenen Welt bietet Grand Theft Auto (GTA) 5 eine ebenso gewaltt\u00e4tige wie satirische Gangsterklamotte, w\u00e4hrend der Spielende stets in drei sehr unterschiedliche Pers\u00f6nlichkeiten wechseln k\u00f6nnen. Der beliebte Online-Ableger des Spieles f\u00fchrt weltweit Millionen von Spielenden im dargestellten S\u00fcdkalifornien zusammen. (<a href=\"https:\/\/youtu.be\/nLZGoXO3NAs\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Grand Theft Auto V: Offizielles Gameplay-Video<\/a>, in: Kanal Rockstar Games Deutschland, \u00d6sterreich &amp; Schweiz vom 9.7.2013)<\/em><\/p>\n<p>Die &#8222;GamerGate-Bewegung&#8220;\u00a0 &#8211; und dieser Absatz hier ist bitte nur als knapper Aufriss zu verstehen &#8211; startete als Hetzkampagne gegen vor allem weibliche Journalistinnen und Entwicklerinnen. Entz\u00fcndet an einem Einzelfall, wurde vielen schlie\u00dflich pauschal vorgeworfen, sich f\u00fcr Sex Vorteile in der Branche zu erschleichen. Schnell rollte aber eine viel gr\u00f6\u00dfere Welle mit sehr viel Frauenfeindlichkeit und Hass durch die Spielercommunities. Schwer zu identifizerende Kreise lamentierten dar\u00fcber, dass ihnen durch politische Korrektheit, &#8222;Social Justice Warriors&#8220; und die Repr\u00e4sentation von Frauen sowie nicht-wei\u00dfen Gruppen ihre Gameskultur kaputt gemacht werde. Viele dieser selbsternannten &#8222;Aktivisten&#8220; riefen dazu auf, dass &#8222;<strong>Gamer<\/strong>&#8220; dagegen aufstehen mussten. Deshalb wird der Begriff f\u00fcr Spielende auch seither nicht mehr verwendet, sondern bezeichnet lediglich noch diesen aggressiven Mob. Das wird von vielen Spielenden noch immer nicht begriffen. Letztlich waren verbale Attacken bis hin zu Morddrohungen gegen Streamerinnen, Journalistinnen und Entwicklerinnen an der Tagesordnung, sp\u00e4ter auch gegen jene, die sie gegen den Mob verteidigten.<\/p>\n<p>Nicht umsonst f\u00fchren von diesem &#8222;GamerGate&#8220; auch Spuren zum <strong>Gedankengut<\/strong> der sogenannten Alt-Right-Bewegungen weltweit sowie noch abstruseren Teilsph\u00e4ren wie der Incel-Bewegung (siehe <a href=\"https:\/\/www.ventil-verlag.de\/titel\/1862\/incels\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Kracher, Veronika: Incels. Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults<\/a>, Mainz 2020). Diese Kreise wiederum stehen in direkter Verbindung mit rassistisch und antisemitisch motivierten Amokl\u00e4ufen wie in Halle oder Christchurch. Das gesamte Geflecht aus bedenklichen Verbindungen zeigt auch sehr gut, warum es hier nicht nur um einen vermeintlich abgehobenen, \u00fcbertrieben be\u00e4ugten Vorfall innerhalb von Spielergemeinschaften geht, die sich einfach wegbel\u00e4cheln lie\u00dfen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_3500\" aria-describedby=\"caption-attachment-3500\" style=\"width: 200px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/kracher_incels_cover_2020.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3500 size-medium\" src=\"https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/kracher_incels_cover_2020-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/kracher_incels_cover_2020-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/kracher_incels_cover_2020.jpg 533w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3500\" class=\"wp-caption-text\">H\u00f6chst absurd, und doch keineswegs zu bel\u00e4cheln. Incels radikalisieren sich untereinander durch Hass auf Frauen und die Gesellschaft. (Abb. Cover Kracher Incels)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Vorwiegend einen chronologischen Ablauf und die beteiligten Akteur:innen schildert Michael Graf in der Gamestar 10\/2014 (<a href=\"https:\/\/www.gamestar.de\/artikel\/branchenweite-kontroverse-worum-gehts-bei-gamergate,3078220.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">&#8222;Was ist Gamergate?&#8220;<\/a>, S. 10-18 [online via Gamestar Plus]). Wie Beteiligte und Vorkommnisse mit politischen <strong>Str\u00f6mungen<\/strong> zusammenh\u00e4ngen, ordnet demgegen\u00fcber besser die <a href=\"https:\/\/keinenpixeldenfaschisten.de\/2020\/10\/14\/gamergate-eine-retrospektive-teil-1-wie-ein-rachsuechtiger-ex-einen-digitalen-mob-lostritt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">vierteilige Reihe &#8222;Gamergate, eine Retrospektive&#8220;<\/a> ein (Keinen Pixel den Faschisten, Okt.\/Nov. 2020: <a href=\"http:\/\/keinenpixeldenfaschisten.de\/2020\/10\/14\/gamergate-eine-retrospektive-teil-1-wie-ein-rachsuechtiger-ex-einen-digitalen-mob-lostritt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Teil 1<\/a>, <a href=\"http:\/\/keinenpixeldenfaschisten.de\/2020\/10\/20\/gamergate-eine-retrospektive-teil-2-die-allianz-der-anti-feministen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Teil 2<\/a>, <a href=\"https:\/\/keinenpixeldenfaschisten.de\/2020\/10\/28\/gamergate-eine-retrospektive-teil-3-von-gamergate-zur-politik\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Teil 3<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.gamestar.de\/artikel\/branchenweite-kontroverse-worum-gehts-bei-gamergate,3078220.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Teil 4<\/a>). Man muss schon ziemlich oft und sehr ordentlich etwas auf den Helm bekommen haben, um in Kenntnis dieser Hintergr\u00fcnde\u00a0 &#8222;GamerGate&#8220; in der plumpen Weise mit GTA V vorzuf\u00fchren, wie es nicht einmal ein drittklassiges Laientheater wagen w\u00fcrde. Schlie\u00dflich hatte der eigene Beitrag zur Relevanz des kritischen Themas doch gerade erst die Expert:innen angef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Schon diese Form des Berichtes reizte mittlerweile mehr als zehntausend Kommentatoren zu Relativierungen, Gegenangriffen und rechtspopulistischen \u00c4u\u00dferungen. Gut, als Historiker kennt man diese Strategien als aktive <strong>Vorw\u00e4rtsverteidigung<\/strong> rechter Gemeinschaften. Aber diese Zugeh\u00f6rigkeit trifft wohl kaum auf alle dortigen Emp\u00f6rten zu, und der Umstand ist wohl kaum allen Leser:innen des m\u00e4\u00dfig moderierten Youtube-Kanals bewusst. Durch die zahlreichen offenen Flanken, mit denen sich der Beitrag stilistisch und redaktionell angreifen l\u00e4sst, entsteht auch \u00fcber das wichtige inhaltliche Anliegen der unheilige Eindruck, hier habe die Redaktion etwas polemisch herbeifantasiert.<\/p>\n<h3>Lebenstraum im Pfosten<\/h3>\n<p>Geht so schon in diesen f\u00fcnfzehn Minuten viel schief, unterl\u00e4uft der Redaktion noch ein <strong>Kardinalfehler<\/strong>, den man in einem Format des \u00f6ffentlichen Rundfunks gar nicht hoch genug aufh\u00e4ngen kann. Der heruntergeklappte Unterkiefer von dem stilistischen GTA-Unfall ist noch gar nicht wieder oben, da m\u00f6chte er ein zweites Mal herunterfallen: Die Redaktion verschafft den rechten Agitatoren der &#8222;identit\u00e4ren Bewegung&#8220; prominent eine B\u00fchne. Sie stellt nicht nur deren Propagandatool vor, sondern inszeniert die Rechten auch noch so, dass sie die beteiligten Journalist:innen ver\u00e4chtlich machen k\u00f6nnen. Um die Strategie nicht auch noch zu bef\u00f6rdern, verzichte ich in diesem Abschnitt auf Links, Video und Bilder.<\/p>\n<p>Es geht um das Spiel &#8222;Heimat Defender: Rebellion&#8220;, das die Entwickler von Kultgames zusammen mit dem rechten Verein &#8222;1Prozent&#8220; in einem cyberpunkigen Retro-Optik-Stil ver\u00f6ffentlichten. Der eher seichte Jump&#8217;n&#8217;Run-Platformer spricht damit ein Design an, das zurzeit sehr beliebt ist. Insofern fiel das Spiel in diesem Stil auch nicht gleich als rechtsextrem auf. Wahrscheinlich wird dieser Ansatz auch bewusst gew\u00e4hlt, um subversiv zu wirken, so wie man schlie\u00dflich in diesen Kreisen nur noch selten mit Springerstiefeln und Bomberjacke aufmarschiert. Das Spiel inszeniert ein <strong>Weltbild<\/strong>, indem sehr unverholen Satiriker wie Jan B\u00f6hmermann als Feinde pr\u00e4sentiert werden, eine Weltverschw\u00f6rung mit Antifa- und LGTBQ-Flaggen symbolisiert, und selbst das ZDF ist deutlich zu erkennen. Zentrale spielbare Figuren sind der Faschist Bernd H\u00f6cke (im Spiel f\u00e4lschlich Bj\u00f6rn genannt), Martin Sellner als Sprecher der Identit\u00e4ren in \u00d6sterreich und Alexander Kleine (genannt Malenki) als deutscher Vertreter des rechten Mobs.<\/p>\n<p>Letzterer kommt nicht nur zu Wort &#8211; er darf den Journalist:innen seine Verachtung auch noch direkt ins Gesicht spucken. Auch wenn ihm seine Community bei Twitter davon abgeraten habe, rede er halt auch mit den &#8222;niedersten Journalisten&#8220;. Irritierend, dass der Bericht ihm daf\u00fcr nicht nur verbal die B\u00fchne bereitet, sondern auch noch aufw\u00e4ndig die besagten Umfrageergebnisse einblendet &#8222;Rede nicht mit der L\u00fcgenpresse!&#8220; Nicht nur nimmt man damit implizit das Etikett an, obendrein wird Zusehenden damit noch sein Twitter-Account bekannt gemacht. Ist das irgendso ein journalistisches Sado-Maso-Spiel, dass ich nicht recht begreife? Ist es der Nervenkitzel, die Sensation, einen echten Radikalen filmen zu d\u00fcrfen, weshalb da die <strong>Konrollmechanismen<\/strong> aussetzen? Auch Kultgames zeigt der Beitrag mit einem direkten Statement. Die Entwickler sprechen unumwunden aus, es gehe mit dem Spiel darum, &#8222;Botschaften zu vermitteln auf lustige, humorvolle, unterhaltsame Art und Weise&#8220;. Grunds\u00e4tzlich k\u00f6nnte man f\u00fcr digitale Spiele diese Aussage sicher als Games-Forscher unterstreichen &#8211; ginge es hier nicht um den Missbrauch eines Mediums als Propagandamittel f\u00fcr hasserf\u00fcllte Weltbilder.<\/p>\n<p>Alexander Kleine selbst verk\u00fcndet dann auch ungeniert, er selbst sei kein Spieler, das Spiel \u00fcberfordere ihn. F\u00fcr seine Identit\u00e4ren sei das Spiel ein erfolgreiches Propagandatool. Man m\u00f6chte eigentlich noch hinzuf\u00fcgen: Ja, liebes ZDF, und wenn ihr diesen Personen auch noch eine B\u00fchne daf\u00fcr liefert, seid ihr Teil dieser Propagandastrategie. Es geht ihnen ja offensichtlich nicht um das Spiel, das mittlerweile aus Distributionsportalen verbannt wurde. Sicherlich \u00fcberrascht es die Beteiligten nicht einmal. Es ist in die <strong>Strategie<\/strong> eingepreist und frontal_ macht sich zum Handlanger. Das Video ist ja nicht einmal in einem separaten Frontal-Kanal zu sehen, sondern im Kanal der ZDFheute Nachrichten. Damit erh\u00e4lt es einen zus\u00e4tzlichen Grad an Reputation. Wieso r\u00e4umt die Redaktion diesen Figuren vom rechten Rand so viel Aufmerksamkeit ein, als ginge es um irgendwelche kulturell relevanten Entwickler? All die Jahre hat Frontal kulturell bedeutenden Personen in der Branche nicht so viel Zeit einger\u00e4umt wie jetzt diesen Rechten. Wieso widmet sich der Beitrag nicht st\u00e4rker einer Analyse durch die genannten Ansprechpartner:innen? Diese haben sie ja ohnehin gut ausgew\u00e4hlt. Dieser Teil des Beitrags ist daher nicht nur eine \u00fcble Fahrl\u00e4ssigkeit, sondern ein Affront gegen alle, die sich f\u00fcr eine plurale Gesellschaft auch in der Gameskultur einsetzen.<\/p>\n<p>Dabei sind doch selbst in demselben Beitrag die Wortmeldungen von Huberts glasklar zu verstehen: Die Spielekultur selbst hat kein Problem mit \u00fcberbordendem Rechtsextremismus, aber sehr wohl einzelne Subcommunities. Codes und Symbole werden verwendet, um Aufmerksamkeit f\u00fcr Ideologien zu erzeugen. Spiele mit ganz klarer rechter <strong>Agenda<\/strong> bestehen und bestehen nicht erst seit Kurzem, denkt man bis zum KZ-Manager auf deutschen Schulh\u00f6fen der Neunziger Jahre zur\u00fcck. Die rechte Propaganda sucht den Gegenwind gegen das Spiel bewusst, um damit Aufmerksamkeit zu erregen. Wenn das mittelm\u00e4\u00dfige Spiel also bewusst darauf angelegt ist, solche sensationsheischenden Reaktionen hervorzurufen, wieso folgt frontal_ genau dieser Strategie. Die Redaktion pr\u00e4sentiert das Spiel, Gameplay und Figuren ausf\u00fchrlich. Sie r\u00e4umt einen erheblichen Minutenanteil des Beitrages den Identit\u00e4ren Sellner und Kleine sowie den Entwicklern von Kultgames ein. Genau die gewollte Aufmerksamkeit verschafft frontal_ ihnen damit. Jetzt weithin bekannt, l\u00e4sst sich das Spiel obendrein weiter \u00fcber den Verein beziehen. Zwischen den Wellen meines aufkommenden W\u00fcrgereizes muss ich Respekt zollen: Strategie gelungen!<\/p>\n<h3>Keine Heimat f\u00fcr Antifaschisten?<\/h3>\n<p>Das ganze ist umso \u00e4rgerlicher, als dass der Beitrag auf einer dramatisierenden Note endet. Das Fazit redet herbei, es gebe in Communities der Spielenden weder ein Bewusstsein, noch eine <strong>Gegenwehr<\/strong> gegen rechtsextreme, faschistische und fundamentalistisches Machenschaften. Dass dieses Bewusstsein durchaus in Communities existiert, und auch Widerstand hervorruft, betont die Streamerin Sissor in ihrem Video zur Richtigstellung mehrfach. Sicher k\u00f6nnte man sich mehr Durchsetzungskraft w\u00fcnschen, und ihre Community mag auch nicht repr\u00e4sentativ f\u00fcr alle stehen k\u00f6nnen, aber Anf\u00e4nge sind in jedem Fall gemacht.<\/p>\n<p>Diese Behauptungen der Redaktion sind aber besonders deswegen eine Frechheit in dem Beitrag, weil die Macher:innen schlie\u00dflich selbst in der Vorbereitung bei einer solchen Community-Aktion <strong>Rat<\/strong> eingeholt haben. Recht reserviert \u00e4u\u00dferte sich der Verbund &#8222;<a href=\"https:\/\/keinenpixeldenfaschisten.de\/2020\/04\/22\/pressemitteilung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Keinen Pixel den Faschisten<\/a>&#8220; deshalb auch in Reaktion auf Form, Inhalt und\u00a0 Stil des Beitrags von frontal_ (<a href=\"https:\/\/keinenpixeldenfaschisten.de\/2020\/11\/27\/anmerkungen-von-keinen-pixel-zum-beitrag-wie-rechte-die-gaming-kultur-unterwandern-von-frontal-vom-19-11-2020\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">&#8222;Anmerkungen von Keinen Pixel zum Beitrag &#8218;Wie Rechte die Gaming-Kultur unterwandern&#8216; von frontal vom 19.11.2020&#8220;<\/a>, in: <em>Keinen Pixel den Faschisten<\/em> vom 27.11.2020). Die Sammelbewegung gr\u00fcndete sich im Nachgang des Attentats von Halle 2019 aus diversen Kreisen der Spielekultur. Sie verbindet Forscher:innen, Spieleentwickler:innen, Streamer:innen und vielen anderen Personen, die sich f\u00fcr die Gameskultur und Communities verantwortlich f\u00fchlen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_3505\" aria-describedby=\"caption-attachment-3505\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/KPdF_Header_bunt_wei\u00dfer_hg-1024x366.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-3505\" src=\"https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/KPdF_Header_bunt_wei\u00dfer_hg-1024x366.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"366\" srcset=\"https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/KPdF_Header_bunt_wei\u00dfer_hg-1024x366.jpg 1024w, https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/KPdF_Header_bunt_wei\u00dfer_hg-1024x366-300x107.jpg 300w, https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/KPdF_Header_bunt_wei\u00dfer_hg-1024x366-768x275.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3505\" class=\"wp-caption-text\">Entgegen des Anscheins, den die Redaktion erweckt, gibt es auch \u00fcber das Community-Management von Streamer:innen wie Sissor hinaus, sehr wohl eine Community-Aktion, die sich antifaschistisch positioniert. (Abb. Logo KPdF)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Innenminister Horst Seehofer hatte nach dem Angriff davon gesprochen, eine rechte <strong>Gamer-Szene<\/strong> sei f\u00fcr die Radikalisierung des T\u00e4ters mitverantwortlich (<a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/seehofer-und-die-gaming-szene-ein-sieg-fuer-den-taeter-von.2165.de.html?dram:article_id=460968\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Kogel, Dennis: Ein Sieg f\u00fcr den T\u00e4ter von Halle<\/a>, in: <em>Deutschlandfunk Kultur<\/em> 14.10.2019). Entsprechend erhob sich der Bei\u00dfreflex von Spielerkreisen, die jede Verbindung kategorisch von sich wiesen. Viele Reaktionen auf Seehofers Pauschalisierungen erinnerte an die verh\u00e4rmte Abwehrhaltung durch Spielende in Killerspiel-Debatten oder w\u00e4hrend der &#8222;GamerGate&#8220;-Exzesse. Auch game, der Verband der deutschen Games-Branche, wehrte in einer Presseerkl\u00e4rung nach dem Angriff von Halle die Anschuldigungen Seehofers als Pauschalverurteilung scharf ab. (<a href=\"https:\/\/www.game.de\/game-verband-kritisiert-generalverdacht-gegen-games-community\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">&#8222;game-Verband kritisiert Generalverdacht gegen Games-Community&#8220;,<\/a> in: <em>game. Offizielle Webseite<\/em> 13.10.2019). Angesichts der obigen Befunde aber w\u00e4ren ein paar nachdenklichere S\u00e4tze dazu auch von der Games-Brache selbst angebrachter gewesen. Schlie\u00dflich bleibt nicht nur die Politik, sondern auch sie bislang einen Masterplan gegen rechte Umtriebe schuldig. Kritsiert Falk also zurecht Seehofers \u00c4u\u00dferungen f\u00fcr viel Unkenntnis, deuteten sie doch auf ein wahres Problem.<\/p>\n<p>Deshalb entschloss sich die Sammelbewegung <a href=\"https:\/\/keinenpixeldenfaschisten.de\/2020\/04\/22\/pressemitteilung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">&#8222;Keinen Pixel den Faschisten&#8220;<\/a> einen bewussten Gegenpol zum spielekulturellen Bei\u00dfreflex herzustellen. Nat\u00fcrlich sind nicht alle Spielenden in Gefahr rechtsradikal zu werden, so wie es bei Seehofer anklang. Viele millionen Menschen tummeln sich t\u00e4glich in digitalen Spielen und diskutieren in Foren. Nicht in Abrede stellen l\u00e4sst sich aber, dass es das Problem gibt, und dass auch frontal_ es zurecht aufgreift. Als Vertretung f\u00fcr <strong>Historiker:innen<\/strong>, die in dem Bereich forschen, entschloss sich deshalb auch der <a href=\"https:\/\/gespielt.hypotheses.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Arbeitskreis Geschichtswissenschaft und Digitale Spiele (AKGWDS)<\/a> zur Beteiligung, den ich 2015 mitgr\u00fcndete und seither ma\u00dfgeblich mit koordiniere. Wer, wenn nicht wir Historiker:innen, sollte einen Beitrag gegen Faschisten leisten.<\/p>\n<h3>Schritt nach vorn, nur ohne Fortschritt<\/h3>\n<p>Die Frage danach, ob Communities selbst nicht gen\u00fcgend entgegen setzen, wirkt angesichts der Gesamtinszenierung des Beitrags wie Hohn. Gewiss stehen die Bem\u00fchungen erst am Anfang, allerdings h\u00e4tte die Redaktion darauf ja auch hinweisen k\u00f6nnen, anstelle sie nicht einmal zu erw\u00e4hnen. Zumal der Beitrag in der geschilderten Weise den Identit\u00e4ren eine B\u00fchne verschafft, und sich selbst jede <strong>Glaubw\u00fcrdigkeit<\/strong> durch seinen uns\u00e4glichen Stil abr\u00e4umt. Dabei hatte die Redaktion kluge Gespr\u00e4chspartner:innen zusammen geholt, um eine Viertelstunde allein mit deren Expertise sinnvoll zu f\u00fcllen. Es h\u00e4tte v\u00f6llig ausgereicht, \u00fcber das Ph\u00e4nomen auch anhand des aktuellen Spieles zu berichten. Daf\u00fcr h\u00e4tte man aber nicht unbedingt mit den identit\u00e4ren Agitatoren sprechen m\u00fcssen. Dass sie nur Erwartbares beisteuern, belegen ja ihre Wortmeldungen selbst. Welchen zus\u00e4tzlichen Grad an Glaubw\u00fcrdigkeit sollten diese \u00c4u\u00dferung denn einer solchen Recherche verleihen, den nicht die Expert:innen bereits h\u00e4tten liefern k\u00f6nnen? Weshalb man stattdessen die Community-Aktion nicht selbst eingebunden hat, bleibt ein R\u00e4tsel.<\/p>\n<p>Schon aus journalistischer Sicht ist dieser Beitrag daher handwerklich misslungen. Stilistisch kann man sich gar nicht so oft an den Kopf fassen, wie man es m\u00f6chte. Der hippe Sprechstil biedert sich an eine skeptische Community an, die das keineswegs goutiert, weil Spielende nur in der Vorstellungswelt eines ZDF hipp, trendy und unter 25 sind. Die breite Gesellschaft spielt l\u00e4ngst digitale Spiele; sie nimmt man so nicht ernst. Dass die Redaktion zudem noch einen solchen inszenatorischen Aufwand treibt, um die kokette <strong>Verachtung<\/strong> und das Etikett &#8222;L\u00fcgenpresse&#8220; durch die Twitter-Umfrage von Kleine als digitale Einblendung zu verbreiten, hinterl\u00e4sst sprachlos. Seinen Accountnamen dazu zu verbreiten, wirkt dann nur noch wie ein Detail. Die unglaubliche Kr\u00f6nung ist aber der performative Missgriff, &#8222;GamerGate&#8220; durch gewaltsame \u00dcbergriffe in GTA V darzustellen. Er ist nicht nur einem Magazin nicht angemessen, dass zu Beginn mit dem Satz aufmacht: &#8222;Trotzdem: Games, Terror und Rechte, irgendwas muss ja dran sein!&#8220; Diese dramatisierende, unfreiwillig komische Aufmachung ist auch angesichts der gravierenden Verbindungen zwischen Gamergate und rechten Machenschaften inhaltlich \u00fcberhaupt nicht angemessen.<\/p>\n<p>Es ist zudem speziell frontal_ nicht angemessen, weil es sich an der Vorgeschichte seines Muttermagazins messen lassen muss. Schlie\u00dflich hatte das immer behauptet, Spiele w\u00fcrden mindestens zur gewaltt\u00e4tigen Verrohung beitragen &#8211; und nun setzt frontal_ Pr\u00fcgelattacken und Schie\u00dfereien f\u00fcr platte Effekthascherei ein. In den 2000ern machte sich das Muttermagazin &#8211; ob nun in bewusster Niedertracht oder gutem Glauben &#8211; zu einem wirkungsvollen <strong>Verst\u00e4rker<\/strong> von einem erzkonservativem Aktivismus. Dieser schob angesichts schulischer Vorf\u00e4lle einem Medium und seiner Spielerschaft pauschal und kulturpessimistisch die gesamte Verantwortung zu.\u00a0 Wie gezeigt, gab es in der Zeit gen\u00fcgend Gr\u00fcnde, weshalb Menschen damals dem schulischen Klima und Druck nicht gewachsen sein konnten. Digitale Spiele funktionierten gesellschaftlich nicht zuletzt durch die Mithilfe von Frontal auf diese Weise als Nebelkerze f\u00fcr sozial- und schulpolitische Ratlosigkeit.<\/p>\n<p>frontal_ kann sich angesichts dieser Vorgeschichte deshalb auch nicht schlicht mit einem Satz am Rande aus dieser Verantwortung ziehen: Damals gaben &#8222;Politik und viele Medien Computerspielen eine Mitschuld.&#8220; Ja, und das ZDF war aktiv daran beteiligt, was zu erw\u00e4hnen, zur <strong>Aufrichtigkeit<\/strong> geh\u00f6rt h\u00e4tte. &#8222;Also, ja, die Killerspieldebatte war \u00fcberzogen.&#8220; hei\u00dft es dann durch die Sprecherin weiter. \u00dcBERZOGEN ist wohl kaum der richtige Ausdruck f\u00fcr ein Jahrzehnt einer medienfeindlichen Debatte, die gesellschaftliche Folgen hatte. Viele Spielende wurden zuhause wie m\u00f6gliche Attent\u00e4ter angesehen. Sie mussten sich in der Schule f\u00fcr ihr Hobby verteidigen. Angehende Games-Entwickler sich vorwurfsvolle Vortr\u00e4ge anh\u00f6ren, warum sie in einer solchen Industrie arbeiten wollten. Ausbildungsst\u00e4tten hatten Schwierigkeiten staatliche Mittel am Standort Deutschland zu mobilisieren. Und nicht zuletzt: Forschende wurden unabl\u00e4ssig mit denselben abwegigen Pfeifferschen Konstruktionen in Interviewanfragen bel\u00e4stigt. Diese zitierten S\u00e4tze der Sprecherin beweisen, dass der Redaktion jedes Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr abgeht, was die Killerspieldebatte f\u00fcr die Branche und Spielende in Deutschland anrichtete und welche Rolle gerade Frontal dabei spielte.<\/p>\n<p>Das ist auch der zentrale Kerngrund, woran dieser Beitrag journalistisch scheitert. Anstelle mithilfe der befragten Fachleute zu beweisen, dass \u00d6ffentlich-Rechtliches Fernsehen diesen wichtigen kulturellen Sektor endlich ernst nimmt und sich deshalb um den Zustand der Communities sorgt, legen der oberfl\u00e4chliche Stil und inhaltlich die redaktionelle Aufbereitung massive <strong>Kenntnisl\u00fccken<\/strong> offen. Aus der Reflexion der &#8222;\u00fcberzogenen&#8220; Killerspiel-Debatte folgt dann der entscheidende Satz: &#8222;Aber muss es deshalb f\u00fcr Nazis zwischen Gamer:innen so gem\u00fctlich sein?&#8220; Mir ist auch nach dem vielfachen und schrittweisen Nachh\u00f6ren dieses Berichtes f\u00fcr diesen Kommentar nicht klar, wie dieser Zusammenhang in einer Gedankenfolge logisch wird. Spielende schalten nicht auf stur, weil sie wegen der Killerspiel-Debatte und &#8222;GamerGate&#8220; schwerwiegende Ph\u00e4nomene der Spielkultur ignorieren w\u00fcrden. Sie schalten auf stur, weil sie schlechten Journalismus erwarten &#8211; und davon hat ihnen frontal_ erneut eine geh\u00f6rige Portion serviert.<\/p>\n<p>Viele Akteur:innen wie die genannte Sissor werden es sich in Zukunft wieder genauer \u00fcberlegen, ob sie mit Medienvertreter:innen sprechen. Dabei ben\u00f6tigt die Gameskultur im Kampf gegen Radikalismus, Fundamentalismus, Frauenhass, Rassismus, Antisemitismus und weitere gesellschaftlich verbreitete Probleme wie Verschuldung oder Suchtverhalten doch gerade mehr Offenheit, und nicht weniger. Dem <strong>Gespr\u00e4chsklima<\/strong> hat der Beitrag somit einen B\u00e4rendienst erwiesen. Zurecht hat er deshalb viel Widerspruch bekommen, wenn auch nicht immer aus der richtigen Ecke. Dennoch: Das erw\u00e4hnte Handbuch Gameskultur aus 2020 zeigt ein breites und buntes, reflektiertes und fundiertes Spektrum von sehr vielen Expert:innen in der Forschung, der Wirtschaft, dem Kultursektor und der Ausbildung, was den Blick auf digitale Spiele und ihre Spielkultur angeht. Angesichts dieser enormen gesellschaftlichen Entwicklung mag es sich bei dieser Reportage vielleicht um einen kleinen Schritt nach vorn f\u00fcr das Format ZDF und sein Format Frontal handeln &#8211; ein echter Fortschritt war sie aber noch lange nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einen Beitrag des Magazins &#8218;frontal_&#8216; zu radikalen Spielerkreisen rettet nicht einmal der m\u00e4chtigste Kulturwissenschaftler Eigentlich, so sollte man meinen, schuf die letzte Dekade ein ernsthaftes Umfeld, in dem auch kritische Themen der Spielkultur journalistisch klug behandelt werden k\u00f6nnten. So zum Beispiel m\u00fcssten tats\u00e4chlich rechtspopulistische und -extremistische Einfl\u00fcsse auf Online-Communities dringend mal auf die Tagesordnung. 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