{"id":2071,"date":"2014-06-17T18:29:00","date_gmt":"2014-06-17T16:29:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/?p=2071"},"modified":"2014-06-17T18:29:00","modified_gmt":"2014-06-17T16:29:00","slug":"news-reich-ist-nicht-gleich-reich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/?p=2071","title":{"rendered":"NEWS: Reich ist nicht gleich Reich"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"headline_sub\">Die Gamestar thematisiert die Abstrusit\u00e4ten der deutschen Zensurpraxis<\/h3>\n<p>Mancherorts werden Magazine und Zeitschriften bereits mental zu Grabe getragen, weil sie nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df seien. Digitalen Publikationen im Web geh\u00f6re, so h\u00f6rt man dann, die Zukunft. Meiner Meinung nach kann man dankbar sein, dass zum Beispiel die <a title=\"Gamestar - Offizielle Seite\" href=\"https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/?p=2067\" target=\"_blank\">-&gt;Gamestar<\/a> immer noch ein <strong>gedruckt<\/strong>es Heft produziert. W\u00e4hrend im Internet eher kurz und pr\u00e4gnant formuliert wird, nicht zuletzt auch um langwieriges Scrollen zu vermeiden, hat das Printmedium die Chance, auch komplexere Zusammenh\u00e4nge \u00fcbersichtlich auszuf\u00fchren.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2073\" aria-describedby=\"caption-attachment-2073\" style=\"width: 350px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/GS6_14_Kogel_Hakenkreuze.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2073\" src=\"https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/GS6_14_Kogel_Hakenkreuze.png\" alt=\"Abb: In einem Report greift die Gamestar die g\u00e4ngige Praxis der Zensur in Videospielen auf (Scan: Beitragstitel der Gamestar)\" width=\"350\" height=\"330\" srcset=\"https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/GS6_14_Kogel_Hakenkreuze.png 350w, https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/GS6_14_Kogel_Hakenkreuze-300x282.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2073\" class=\"wp-caption-text\">Abb: In einem Report greift die Gamestar die g\u00e4ngige Praxis der Zensur in Videospielen auf (Bild: Beitragstitel der Gamestar)<\/figcaption><\/figure>\n<p>So bietet die Gamestar in ihrem Reportteil auch heute noch regelm\u00e4\u00dfig einen journalis-tischen Einblick in die <strong>Hintergr\u00fcnde<\/strong> und die Kultur um Videospiele. Seit das Hamburger Magazin <a title=\"GEE Magazin - Offizielle Seite\" href=\"http:\/\/www.geemag.de\/\" target=\"_blank\">-&gt;GEE<\/a> das Printfeld f\u00fcr hochwertigen Spielejournalismus wegen ihrer App bei iTunes ger\u00e4umt hat, ist dies im deutschsprachigen Raum leider sehr rar geworden.<\/p>\n<p>In Ausgabe 6\/14 findet sich wieder ein lesenswerter Report, der sich dieses Mal mit der Zensurpraxis verfassungsfeindlicher Symbole in Deutschland befasst. Unter dem Titel &#8222;<strong>Hakenkreuze<\/strong>. Im Fernsehen normal, auf dem Bildschirm verboten&#8220;\u00a0(S.100-106) schreibt Dennis Kogel dar\u00fcber, wie eine gerichtliche Entscheidung von vor mehr als zwanzig Jahren noch immer die Bewertung von Videospielen unter dem Auge der Zensur bestimmt. Daran ist einiges au\u00dferordentlich merkw\u00fcrdig&#8230;<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>&#8222;Der Schutzzweck [&#8230;]&#8220;, so zitiert Kogel einen Richterspruch des Oberlandesgerichts Frankfurt\/Main von 1998, &#8222;gebietet es, dass in Computerspielen keine Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen gezeigt werden.&#8220; Mir scheint aber die <strong>Argumentation<\/strong> im Weiteren fragw\u00fcrdig: &#8222;W\u00e4re eine derartige Verwendung [&#8230;] erlaubt, dann w\u00e4re es kaum noch m\u00f6glich, einer Entwicklung zu ihrer zunehmenden Verwendung in der \u00d6ffentlichkeit entgegenzuwirken[.]&#8220; So wird die Frage von Recht und Unrecht eigentlich nicht beantwortet, sondern zu einer Frage der Kontrollierbarkeit eines Mediums umgewidmet. Dabei k\u00f6nnte man sich in der Rechtsprechung mit Recht der Frage widmen, inwieweit Videospiele ein andersartiges Medium sind als andere zuvor und ob deshalb andere Ma\u00dfst\u00e4be anzulegen w\u00e4ren. M\u00f6glicherweise k\u00f6nnte man dahingehend ja plausibel argumentieren. So wie hier bleibt die Begr\u00fcndung jedoch absonderlich.<\/p>\n<p>In der Folge wird nun bis heute digitalen Spielen faktisch abgesprochen, mehr als ein Spielzeug zu sein und differenziert wie andere Medien mit dem Nationalsozialismus umgehen zu k\u00f6nnen. Filme wie <a title=\"Inglorious Basterds @ IMDB\" href=\"http:\/\/www.imdb.com\/title\/tt0361748\/?ref_=fn_al_tt_1\" target=\"_blank\">-&gt;Inglorious Basterds<\/a> aber d\u00fcrfen sich darauf berufen, <strong>Kunst<\/strong> zu sein, und bilden ungeniert Nazisymbole ab. Videospiele hingegen d\u00fcrfen das nicht.\u00a0Reich ist offenbar nicht gleich Reich. Besonders seltsam erscheint mir dies, wenn man die Vielzahl anderer Reminiszenzen digitaler Spiele an das Dritte Reich mit einbezieht. Da werden in Strategiespielen Fahrzeuge der Wehrmacht aufgefahren, Uniformierte sind unschwer als Soldaten der Nazizeit erkennbar und Shooter setzen den Gegnern unverkennbar Wehrmachtshelme auf. Vor diesem Hintergrund ist fraglich, ob ein Verzicht auf ein Symbol irgendeine Bedeutung dabei h\u00e4tte, eine Ideologie zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Frustrierend ist zudem, dass all jene, die Kogel interviewte, einhellig f\u00fcr unzeitgem\u00e4\u00df halten, Filme und Videospiele derart ungleich zu behandeln. Zugegeben: die Meinung der bayerischen CSU hat er nicht mit eingeholt. An der Praxis jedoch, so ist der Tenor des Artikels, k\u00f6nnte nur eine <strong>Klage<\/strong> durch einen Entwickler oder Publisher etwas \u00e4ndern &#8211; doch wer wolle schon f\u00fcr die Verwendung des Hakenkreuzes vor Gericht ziehen. Die gro\u00dfen Verlage f\u00fcr Spiele haben zwar erhebliche Kosten mit speziellen deutschen Versionen von Spielen, f\u00fcr sie scheint es jedoch eine kalkulierbare Gr\u00f6\u00dfe zu sein. V\u00f6llig unabsehbar w\u00e4ren jedoch Verlauf und Erfolg eines Gerichtsverfahrens, das sicherlich ein Jahrzehnt anh\u00e4ngig w\u00e4re, w\u00e4hrend die Branche in Produktzyklen von drei Jahren zu denken gew\u00f6hnt ist. Der Klageweg also ist wirtschaftlich Denkenden schlicht nicht zumutbar.<\/p>\n<p>Was in dem sehr rechtlich ausgelegten Beitrag zu kurz kommt, ist nach meiner Ansicht die historische Perspektive an sich. Was denn eine geeignete Darstellung zur Reflexion des Dritten Reiches ist &#8211; zumindest nach Auffassung der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK), wird zwar in einem Sonderkasten zu Filmen erl\u00e4utert, jedoch nicht n\u00e4her mithilfe von <strong>Beispielen<\/strong> unter digitalen Spielen vergleichbar gemacht. Lediglich aktuelle F\u00e4lle der Zensur werden da aufgegriffen wie bei <a title=\"South Park: The Stick of Truth @ Ubisoft\" href=\"http:\/\/southpark.ubi.com\/stickoftruth\/de-de\/home\/\" target=\"_blank\">-&gt;South Park: Der Stab der Wahrheit<\/a>, das eigentlich eine solide Grundlage f\u00fcr eine ausf\u00fchrlichere Diskussion w\u00e4re. Satirischer als South Park ist wohl wenig auf diesem Planeten. Hier verschenkt der Report &#8211; so lesenswert er dennoch ist &#8211; leider Potential.<\/p>\n<p>Denn auch wenn man f\u00fcr eine erwachsenere Behandlung von Videospielen eintritt, kann das reine Beharren darauf, digitale Spiele seien Kulturg\u00fcter, nicht genug sein. Weil andere etwas d\u00fcrfen, d\u00fcrfen wir das noch lange nicht &#8211; das hab ich zumindest aus der Erziehung meiner Eltern gelernt. Daher w\u00fcrde ich mir w\u00fcnschen, dass einmal tiefer in die inszenierten Geschichtsbilder von Videospielen geschaut w\u00fcrde, die sich in Anlehnung mit dem Dritten Reich befassen. Vielleicht w\u00fcrden die einen angesichts der verwendeten Thematik erkennen, wie <strong>vielschichtig<\/strong> Videospiele mittlerweile geworden sind. Andere m\u00f6gen hingegen feststellen, dass der gegenw\u00e4rtige Umgang dazu f\u00fchrt, ein wichtiges historisches Thema aus einem erheblichen Teil der Erinnerungskultur auszuklammern. Was \u00fcbrig bleibt, sind leider unreflektierte Anleihen an Symbolik des Dritten Reiches, die v\u00f6llig ohne Parteiinsignien auskommen. Transportiert solch eine verf\u00e4lschte Inszenierung nicht auch z.B. militaristisch verkl\u00e4rende Geschichtsbilder, die wir uns nicht wirklich w\u00fcnschen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Leider sorge die gegenw\u00e4rtige Rechtsprechung daf\u00fcr, resumiert Kogel, dass &#8222;auch dokumentarische, ernste Computerspiele \u00fcber den Nationalsozialismus in Deutschland <strong>grunds\u00e4tzlich<\/strong> nicht zu[l\u00e4ssig]&#8220; sind. Damit aber \u00fcberlassen die Gerichte dieses Medium aber denjenigen, die sich nicht reflektiert damit auseinandersetzen wollen. Damit ist die Zensurpraxis nicht nur unzeitgem\u00e4\u00df, sondern auch noch kontraproduktiv.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Gamestar thematisiert die Abstrusit\u00e4ten der deutschen Zensurpraxis Mancherorts werden Magazine und Zeitschriften bereits mental zu Grabe getragen, weil sie nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df seien. 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