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INNOVATION: Familienbrut

In ‚Massive Chalice‘ verlangt ein sprechender Riesenkelch, Dynastien von Kriegern zu formen

( PC (getestet) | XBoxOne | OS X | Linux )

Blinzelnd erwache ich in einer Halle, die ein wenig schmucklos wirkt, und doch irgendwie elegant. Ein Kelch steht dort, riesig und messingfarben. Seine Silhouette umwabert ein diffuses Leuchten. Und der Kelch spricht. Nicht nur mit einer Stimme, sondern gleich mit zweien, von denen die eine weiblich, die andere männlich scheint. Ich sei auserwählt, ein Königreich zu retten. Nein, selbst könnten sie das nicht, dafür legen sie mir ihr Schicksal und das des ganzen Reiches in die Hände. Mir?! Einem völlig fremden, der gerade von einem Kelch berufen wurde?

Ein Kelch als Anführer eines bedrohten Reiches - und dennoch nicht eben wählerisch bei der Auswahl seines Stellvertreters: mir als Spieler. (Abb.: eigener Screenshot, PC)
Ein Kelch als Anführer eines bedrohten Reiches – und dennoch nicht eben wählerisch bei der Auswahl seines Stellvertreters: mir, dem Spieler. (Abb.: eigener Screenshot, PC)

Mit dem überdimensionalen, sprechenden Trinkbehälter, der 2013 dem Rundenstrategiespiel ->Massive Chalice seinen Namen verlieh, wirkt das Setting zunächst an den Haaren herbeigeschleift. Allerdings gelingt es dem Entwickler ->Double Fine in diesen dürftigen Rahmen eine packende Spielmechanik zu integrieren. Ein wenig an Glaubwürdigkeit gewinnt das Szenario, weil die an den Kelch gebundenen Reichsverweser selbst nicht aktiv werden können. Sie müssen über zwei Jahrhunderte die Kräfte des Bechers sammeln und dürfen dabei nicht abgelenkt werden. Am Ende dieser Frist steht der Befreiungsschlag in Aussicht: nur die Kraft des Kelches kann eine magische Monsterquelle verjagen, welche „die Kadenz“ genannt wird. Als Spieler soll man daher über die 200 Jahre im Auftrag der Stimmen ein koordiniertes Rückzugsgefecht führen.

Mit dem Rundenstrategiespiel ‚Massive Chalice‘ erschien ein spannend inszenierter mittelaltelicher Dynastiegenerator mit einem Endzeitkrieg, der Züge von Faschismus annimmt. Das aber ist kein Defizit des Spiels, sondern eine echte Chance… (Massive Chalice Launch Trailer ! (60 fps) | Kanal DoubleFineProd)

Da die Kämpfer nicht viel älter als sechzig Jahre werden und sich in mehrere Dynastien aufspalten, müssen Spieler vorausschauend handeln. Fähige Verteidiger dürfen nicht aussterben, etwa weil die Bevölkerung nur noch Kinder und Alte umfasst. Außerdem vererben die Eltern ihren Kindern mit gewisser Wahrscheinlichkeit positive und negative Eigenschaften – etwa besondere Führungsstärke oder Kurzsichtigkeit. Also muss eine rigide Heiratspolitik das Beste aus den verbleibenden Jahrhunderten herausholen.

Ein kleines Reich, umtost von der magischen Kadenz. Nicht nur das Setting ist ungewöhnlich, sondern auch das minimalistische Art-Design. Beides trägt jedoch bald sehr stimmig zur Spielatmosphäre bei. (Abb.: eigener Screenshot, PC)
Ein kleines Reich, umtost von der magischen Kadenz. Nicht nur das Setting ist ungewöhnlich, sondern auch das minimalistische Art-Design. Beides trägt jedoch bald sehr stimmig zur Spielatmosphäre bei. (Abb.: eigener Screenshot, PC)

->Massive Chalice bietet damit ein faszinierendes Spielkonzept, ein seltsames Mischwesen zwischen innovativen Mustern von Rundenstrategie und gebrochenen Charakterentwicklungen im Rollenspiel. Es enthält aber darüber hinaus mittelalterliche, dynastische Denkfiguren, sowie beklemmend subversive, zeitgeschichtliche Anleihen an faschistische Weltbilder. Dieser Nexus wirft die Frage auf, ob ->Massive Chalice damit historisch auch Probleme schafft…

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NEWS: New York Down

Nach einem perfiden Terroranschlag in New York stellt ‚The Division‘ wieder Ordnung her

Vier Kämpfer rücken auf eine Kreuzung vor. Kleidung und Ausrüstung wirken intensiv genutzt, besonders ihre Waffen. Ihre Blicke wandern hektisch von Fenster zu Fenster, während sie vorrücken. Vom Äußeren her scheint das Team zunächst wie eine Straßengang, die Frauen und Männer bewegen sich jedoch zu abgestimmt, zu fließend, zu militärisch. Irgendetwas stimmt hier nicht.

Plötzlich schälen sich weitere Gestalten aus dem Dunst, der aus den Gullis der Kreuzung emporsteigt. Die Gewehre der vier richten sich auf die langsam heranschlurfenden Neuankömmlinge. „Bitte, wir sind krank, bitte helfen Sie uns!“, fleht eine der Gestalten. Über das Headset gellt die Antwort einer Kämpferin: „Halt, keinen Schritt weiter! Oder ich leg Dich um.“ – „Er hat gehustet, ich habs gesehen, er hustet…“, raunt ein anderer. Plötzlich ziehen die Neuankömmlinge Waffen hervor, doch sie sind nicht schnell genug. Jedes weitere Wort geht im Lärm der Schüsse unter, bis die zerlumpten Vier vom Beginn als einzige noch stehen. Niemand trickst ab jetzt in diesem Viertel noch ->The Division aus.

Erst kommt die Krankheit, dann die Anarchie. Die Division stellt die Ordnung in dem wieder her, was von New York übrig ist. (Tom Clancy’s The Division – Launch Trailer | Ubisoft [DE] | Kanal UbisoftDE|UbisoftTV via Youtube)

Was eine Szene aus einem Bürgerkrieg sein könnte, findet jedoch mitten in New York statt. Die ikonische Weltmetropole hat schon manche reale und virtuelle Katastrophe überstanden, näher an ihrem Ende als in ->The Division von dem schwedischen Studio ->Massive Entertainment ist sie allerdings nie gewesen. Terroristen haben den Götzen der westlichen Welt mit einem Virus infiziert; mit jedem Geldschein von der Wallstreet bis zum kleinen Kiosk in SoHo gehen Krankheitserreger von Mensch zu Mensch und lösen einen tödlichen Infekt aus.

Das Geld ist infektios und so verbreitet sich der Erreger rasend schnell. Als Reservisten eines geheimen Katastrophenschutzes aktiviert ‚The Division‘ ihre Agenten, um den Eingeschlossenen Zur Hilfe zu eilen. (The Division New Cinematic Trailer 2016 | Kanal MKIceAndFire via Youtube)

Das öffentliche Leben bricht daraufhin völlig zusammen und zwielichtige Gestalten übernehmen die Straßen. Seit März 2016 brechen nun zahlreiche Teams der „Division“ nach New York auf, um die Stadt zu sichern und ihre öffentlichen Funktionen wieder zu errichten. Außerdem legen sie sich mit Gegnergruppen an, die aus anderen Spielern bestehen. Im kooperativen Modus des Multiplayer-Shooters aber finden menschliche Spieler zusammen und errichten gemeinsam Stützpunkte, sie evakuieren Ärzte sowie andere gefährdete Personen und erobern die Stadt zurück.

Dies wird keine einfache Aufgabe, hat doch ->Massive einen Fahrplan mit Updates bis ans Ende des Jahres 2016 vorgelegt – und legt damit den Überlebenden genügend neue Steine in den Weg. Solange es Sicherheit immer nur bis zur nächsten Kreuzung gibt, wird sich die Stadt nicht wieder erheben…

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DGBL: Der Geruch von Phosphor am Morgen

Spec Ops – The Line: ein Shooter-Lehrstück des Grauens

Die erste Ladung befördert eine Kamera aus dem Granatwerfer, die über dem Lager von Soldaten gemächlich niedersinkt, das da zu Fuße der eigenen Stellung liegt. Als die Aufnahmen über den Bildschirm eines Laptops flackern, haben die Soldaten des eigenen Trupps alle Hände voll zu tun, den daran angeschlossenen Werfer mit Granaten zu bestücken. In denen wiederum steckt Phosphor, das höllenheiße Feuersbrünste entfacht. Davon künden die gellenden Schreie der Gegner, die Rauchfahnen und die zerplatzenden Fahrzeuge im Camp.


Evakuieren geht anders - in Dubai lief etwas gewaltig schief (Quelle: Offizielle Seite)
Evakuieren geht anders - in Dubai lief etwas gewaltig schief (Quelle: Offizielle Seite)

Allein – vor Augen hat man nichts davon. Ähnlich der heftig kritisierten Mission „Death from Above“ von ->Call of Duty: Modern Warfare, in denen via grau verrauschtem Mini-Bildschirm eine AC-130 Flying Fortress ein Dorf mit Munition vollpumpte, präsentiert sich das Grauen im Fallgebiet der Granaten auch hübsch sauber in Schwarzweiß auf dem Laptop. Das, so denkt man, soll jetzt der Anspruch des deutschen Entwicklers ->Yager sein, der mit ->Spec Ops: The Line das erste Anti-Kriegspiel erschaffen wollte? Hockte der Spieler nicht bloß fünfzig Meter vor dem Lager, so wäre nicht einmal das Kreischen der Sterbenden vernehmbar. Der Spieler könnte auch per Satellit aus einem anderen Teil der Welt schlachten. So aber scheint im Hintergrund gedämpft aus der Zukunft zu rufen, was nach dem Gewissen des Spielers greifen wird.

Doch, was dann im Spiel und mit dem Spieler geschieht, ist eine ebenso grausame wie eindringliche Lektion des Krieges, wie sie bislang noch kein Videospiel erreicht hat. Aus dieser Perspektive ist ->Spec Ops: The Line ein echtes Meisterwerk, das sich vor seinen Film- und Buchkollegen nicht zu verstecken braucht…

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NEWS: Homo Fungi

„The Last of Us“ inszeniert die Zombiekalypse auf Pilzköpfen

Da hilft weder Canesten noch Fungizid. Wenn die Sporen dieses Pilzes eingeatmet werden, suchen sie sich einen Weg zum Gehirn und lassen sich dort sprießen. Das sorgt zunächst für Aggressivität, dann für einen Fressanfall und schließlich steht der Schädel offen und speit weitere Sporen aus.


Zwei überzeugende Protagonisten für ein überzeugendes Spiel
Joel und Ellie: Zwei überzeugende Protagonisten für ein überzeugendes Spiel (Collage, Schriftzug und Bild, Offizielle Seite)

Damit ist die menschliche Zivilisation schnell am Ende, die letzten Überlebenden in ->The Last of Us eilen ihr in großen Schritten hinterher – nicht zuletzt, weil Moral im Angesicht des Überlebens nicht mehr viel wert ist. Neben all dem pilzigen Beigeschmack ist dies dann auch das bestimmende Thema des wohl letzten bombastischen Exklusivtitels der ->PS3, durch den sich als Hauptprotagonisten ein desillusionierter Mann mit einer Jugendlichen hindurchkämpft, die bereits nach dem Niedergang geboren ist.



Bezeichnend für das Spiel: Der Tod lauert nicht nur in Form von Zombies (Intro Video)

Das Innovative an diesem Titel sind weniger der grafische Aufwand, die gleitende Bewegungsphysik oder die atmosphärischen Kniffe, sondern der pilzige Ursprung der Zombie-Seuche und seine Folgen auch für das Spielgefühl…

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