NEWS: Allein unter verborgenen Mythen

FunCom leistet möglicherweise mit „The Secret World“ die überfällige narrative Evolution der MMORPGs

Wie oft wurde uns Spielern schon aufgetischt, das nächste Multiplayer-Rollenspiel wäre ein viel schmackhafteres, viel nachhaltigeres Menü als alle anderen Konkurrenten am Markt. Viel gehaltvoller und abwechslungsreicher würde es die verschiedensten Geschmäcker befriedigen und vor allem eine revolutionäre Geschmacksexplosion sondergleichen verursachen und allein optisch schon ein Augenschmaus sein. Letztlich aber saßen doch seit Jahren alle Spieler mit den gleichen langen Gesichtern und leeren Mägen vor der immer gleichen Fertigkost.

Heerrrrreinspaziert... hier werden alle Träume wahr... und eben auch die Albträume
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Dies lag natürlich auch daran, dass die bei Blizzard so gut funktionierenden Prinzipien quasi als Standards ins Genre einzogen und nun stur überall wiedergekäut werden. Machen Sie mal einer Marketing-Abteilung oder einer Gruppe von Investoren klar, dass Sie einen anderen Weg gehen wollen, ein anderes Feature aufbauen wollen als bei ->World of Warcraft – sollte es Ihnen gelingen, dann versuchen Sie doch als nächstes dem Leprechaun am Ende des Regenbogens seinen Topf voll Gold abzuschwatzen.



Hinter den Grenzen der Realität liegt eine verborgene Welt - The Secret World (via Gamestar.de)

Nun, einen solchen Topf hatten die Entwickler von ->FunCom ja glücklicherweise durch ihre Erfolge im MMO-Markt und bei Adventures selbst gut gefüllt. Mit dem Geld finanzieren sie jetzt ein Projekt, dass das Zeug dazu hat, das Genre der MMOs gründlich über den Haufen zu werfen. Nicht mit besonders ausgefallenem Gameplay, sondern aufgrund der dichten Handlung, in die der Spieler verwoben wird. Jeder soll eine Vielzahl detailreicher Geschichten erleben, die in einer Welt von Mythen und Legenden für jeden Geschmack etwas bieten. Zudem sollen die globalen Ereignisse so komplex erzählt werden, dass das Durchspielen nur aufseiten einer Fraktion nicht ausreichen wird, alle Geheimnisse zu ergründen. Dies alles klingt nach einem sättigenden Menü für alle Story-Feinschmecker, für die bisherige MMOs viel zu wenig Augenmerk auf die Geschichte(n) gelegt haben.

Eine Legende seit dem großartigen ->The longest Journey anfang der Nuller Jahre hatte der Entwickler sich auf dem Adventuresektor einen Namen gemacht. Diesem Ruf konnte auch das erzählerisch gute, doch technisch unausgegorene ->Dreamfall kaum Schaden zufügen. Viel heftiger fiel allerdings die Kritik an dem letzten Projekt von FunCom aus. Obwohl die Entwickler eigentlich mit ->Anarchy Online über massig MMO-Erfahrung hätten verfügen müssen, geriet das blutige Actionrollenspiel ->Age of Conan zu einem Beinahedesaster. Neben spielerischen Defiziten, nervtötenden Bugs und falschen Versprechungen sorgte vor allem ein magerer High-Level-Content für eine zügige Abwanderung der Spieler aus der Welt Hyboria – runter bis auf wenige Hunderttausend. Trotz dieser anfänglichen Schwierigkeiten hat sich das Erwachsenen-MMORPG jedoch wieder aufrappeln können und erfährt besonders seit wenigen Monaten wieder erheblichen Zuspruch. Denn der Entwickler stellte mit ->Age of Conan: Unchained auf ein Semi-Free-to-Play-Modell um. Die Kriegskasse scheint also ganz gut gefüllt.

Deswegen können sie wagen, was sie wollen, ohne dass ihnen Publisher die Suppe allzusehr versalzen oder auf einen mageren Sud eindampfen könnte. Selbst wenn an einen solchen Restaurantleiter namens EA in jedem Trailer erinnert wird, besteht begründete Hoffnung, dass den eigentlichen Köchen nicht in den Herd hineinregiert wird.

Denn, was da als Menü angekündigt wird, ist keine Standardkost, sondern Haute Cuisine. Nichts weniger geschieht, als dass quasi über Nacht sämtliche Mythen und Legenden auf den Straßen der Welt zur Realität werden. In nicht fließend ineinander übergehenden Gebietensinstanzen schlagen sich die Spieler mit Anubis und seinen Schergen herum (Ägypten), verwunschenen Kreaturen in einem neuenglischen Kaff oder treiben Zombiehorden zurück, die auf eine amerikanische Kleinstadt zuschlurfen. Alles in allem wirken die Themengebiete in sich sehr stimmig, technisch ist der Eindruck deutlich durchwachsener. So klaffte selten eine so große Lücke zwischen dem Standard der Rendertrailer und dem Echteindruck gefilmter Gamplayszenen.



Drei Geheimbünde dominieren die Welt - z.B. die Templer

Aber der Schwerpunkt soll ja angeblich auf den Erzählungen liegen, deren größerer Rahmen durch die konkurrierenden Pläne dreier großer Geheimbünde aufgespannt wird. Diese treten mit dem Erscheinen der Monstermassen aus den Zwielichten der Geschichte und manifestieren sich als hauptsächliche globale Machtblöcke, während die Regierungen der Welt mit offenen Mündern erstarren. Neben den kreuzkonservartiven Templern, etablieren sich auch der fernöstliche, magielastige Drachenclan und die wohlstandsfixierten Illuminaten – und führen ihre Streitereien mit unterschiedlichen Fertigkeiten, Arsenalen, Vorstellungen über die neue Weltordnung und Deutungen über die weltweiten Erscheinungen. Somit entscheidet die Fraktionswahl auch über die Spielweise – etwas, was mancher jedoch auch als Einschränkung verstehen könnte.

Drei Geheimbünde dominieren die Welt... und kochen ihre eigenen Süppchen
Drei Geheimbünde dominieren die Welt... und kochen ihre eigenen Süppchen

Besondere Vielseitigkeit verspricht aber gerade, dass FunCom in The Secret World eine bisher ungeahnte Auswahl an Settings zur Verfügung stehen. Jenseits des allüberall gleich überspannnten Fantasy- und SciFi-Einheitsbreis, ist dies eine erfrischende Spielwiese frischer Ideen. Diese seltene Chance für frische Impulse in das Genre der MMORPGs sollte der Entwickler nicht leichtfertig durch ein ähnlich schlampigen Release wie bei Age of Conan verspielen. Ordentlich recherchiert und umgesetzt verspricht jede der verborgenen Welten aber eine fesselnde Erkundungsreise durch die Mythen unserer Welt zu bieten. Wer die bisher veröffentlichten Trailer verfolgt hat, entdeckt zudem noch eine andere Komponente: Auf einem Plakat im Zimmer der jungen Frau, die im Teaser für die Illuminaten die Hauptrolle spielt, stehen die Worte „Stark“ und „Arcadia“. Diese beiden Namen bezeichnen unsere technisierte Welt (Stark) und eine künstlich abgetrennte Wirklichkeit des magischen „Arcadia“, wie die beiden Welten hießen, um die es in „The Longest Journey“ und „Dreamfall“ ging. Ob es sich damit nur um eine Hommage handelt oder ob „The Secret World“ wirklich die Fäden des der Adventures aufnimmt und weiterführt, ist noch nicht abzusehen.

Nun bleibt nur noch zu hoffen, dass der Umfang des Games sich letztlich nicht an den Portionsgrössen der Hohen Küche orientiert. Seit der ersten Ankündigung von „The Secret World“ kursieren immer die vier, fünf gleichen Schauplätze durch die Medien. Das ist selbst dann für einen Launch zu wenig ist, wenn man davon ausgeht, dass jederzeit ein Nachschlag per Patch nachgeliefert werden kann.  Außerdem sollte FunCom bedenken, dass jemand (Keimling eingeschlossen), dem auf ein Festmenü Geschmack gemacht wird, sehr ungnädig wird, sollte er mit Konventionalkost abgspeist werden. Das wird den Köchen dort mittlerweile aber wohl bewusst sein

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